Portrait No. 2 – Häkeln ist ihre Masche Sibylle Mayr

Als ich Sibylle das erste Mal begegne, spüre ich, dass sie etwas Entscheidendes verschweigt.

Es ist im Frühsommer 2007. Wir sitzen, in Fleece-Decken gewickelt, bei Jimmy Elsass vor der Tür, von der Schäferkampsallee der Großstadtklangteppich, über uns Spatzenkonzert.

Wir hatten einen wilden Nachmittag, sind mit den Kindern über den Dom gegangen und ich weiß zu diesem Zeitpunkt von Sibylle, dass sie aus Wiesbaden kommt und dass sie Lehrerin ist, dass sie in den kommenden großen Ferien mit ihrer Tochter Philine nach Hamburg ziehen wird, der Liebe wegen, – eigentlich -, aber diese Liebe, das erfahre ich jetzt, ist schon wieder vorbei. Sie werden trotzdem kommen, oder jetzt erst recht… und ich denke im Stillen, wie schön, denn ich weiß, diese Frau, die lacht wie eine 18 Jährige und die die Unerschrockenheit einer Zwanzigjährigen besitzt, wird meinen Freundeskreis bereichern.

Mir ist klar, wir kennen uns nur sehr kurz, wir hatten einen intensiven Nachmittag miteinander, spannende, nahe Gespräche, natürlich kann das Bild lange nicht komplett sein. Aber als ich nach Hause gehe, meine ich, etwas Wichtiges über sie nicht erfahren zu haben. Keine Ahnung was, es ist nur ein Gefühl.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis wir uns wiedersehen. Sieben, acht Wochen vielleicht. Ich bin eingeladen. Ich erinnere mich genau an den Moment, als ich ihren Flur betrete. Den sibyllinischen Flur. Einen kurzen, hell beleuchteten Flur, in dem interessante Objekte stehen und hängen. Sie ziehen meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es sind rätselhaft schöne Gebilde in der Größe und Anmutung von menschlichen oder tierischen Organen. Anders als tatsächliche Organe, haben sie etwas durchscheinend Zerbrechliches, etwas zart Anmutiges, und sie wirken beseelt.

Inspirationsorgan

Ich stehe eine ganze Weile versunken vor diesen Werken. Bemerke gar nicht meine Gastgeberin, die leise, als wolle sie mich nicht stören neben mich tritt und dann sagt:

‚Ich nenne sie Inspirationsorgane.’

‚Sie scheinen zu leben,’ sage ich.

Sie lächelt zustimmend.

‚Wer hat sie gemacht?’

‚Ich’, sagt sie schlicht.

Die Information sickert schwer durch ein Bild, das ich mir offenbar gemacht habe, ein Bild von ‚Grundschullehrerin und Kunst’. In meiner Fantasie kleben Grundschullehrerinnen gepresste Herbstblätter auf Pergamentpapier, treiben Tusche mit Zahnbürsten durch Küchensiebe oder kratzen Zeichnungen aus Wachsmalfarbenreliefs. Irgendetwas stimmt daran nicht mehr. Mir bleibt nicht viel Zeit, darüber und die vielleicht Regel bestätigende Ausnahme nachzudenken.

Sibylle führt mich ins Wohnzimmer. Sie sieht meinen Blick, der an einem überdimensionalen, pinkfarbenen, offensichtlich gehäkelten Objekt hängen bleibt, das aus der Wand zu wachsen scheint.

‚Sea Yarn’, sagt sie, ‚davon gibt es noch einige mehr und dazu gehört eine Geschichte. Auch von mir.’ Sie lacht verschmitzt. ‚Erzähle ich dir später…’

als Topflappen

Meine Neugierde wächst mit jedem Objekt, das ich in diesem Raum entdecke. Die Büste eines Afrikaners, kleine Bronzestatuen älterer tanzender Männer, weitere gehäkelte Objekte in braunen Schaukästen.

Auch von ihr?

Sie nickt. Und mit ihrem Nicken beginne ich zu begreifen, was sie mir verschwiegen hat: dass sie so etwas wie eine Ausnahmeerscheinung ist.

Mit dem Versuch, Sibylle in ein Wort zu fassen, werde ich ihr natürlich nicht gerecht. Ich kann es höchstens mit Worten umreißen, indem ich erkläre, dass sie eine Geschichtenerzählerin ist, eine Kinderflüsterin, eine Poetin und eine großartige, leidenschaftliche Künstlerin. Es war die Kunst, die sie mir verschwiegen hatte und den Stellenwert, den sie in ihrem Leben hat.

Als ich beschließe, diesen Blog zu schreiben und Sibylle frage, ob ich einen Beitrag über sie verfassen darf, ist sie sofort dabei. Wir treffen uns. Ich möchte dem, was ich über sie weiß, eine Chronologie geben und die Gelegenheit nutzen, all die Fragen, die ich die ganzen Jahre hatte, die aber immer wieder untergegangen sind, endlich zu stellen.

Allem vorherrschend möchte ich wissen, was sie bewogen hat, Lehrerin zu werden. Sie ist, seit sie in Hamburg lebt, stellvertretende Schulleiterin einer Grundschule und spricht mit solchem Respekt, solcher Zuneigung von den Kindern, die sie unterrichtet, (am liebevollsten sprichst sie von den schwierigsten), dass ich weiß, was sie meint, als sie bei unserem Treffen antwortet, es sei ihr Beitrag, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

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‚Schreib’ das nicht!’, sagt sie aber und lacht mädchenhaft, ‚das war mit 17, 18, da war ich superidealistisch! Mir war irgendwann schon bewusst, dass ich keinen Riesenbeitrag leisten kann, aber wenn ich etwas ändern wollte, dann musste ich ganz am Anfang ansetzen. Hebamme, Kindergarten, ich wollte eine Stelle finden, wo ich positiven Einfluss nehmen kann.’

Positiver Einfluss kann nur entstehen, wenn ein Funke überspringt, Sibylle weiß es aus eigener Erfahrung. Bei ihr geschieht es mit fünf. Und da sind wir schon bei der Kunst. Bei einem Bildhauerkurs, wo sie zum ersten Mal mit Ton modelliert. Und einfach nur glücklich ist, etwas entstehen zu lassen. In der fünften Klasse begegnet sie dem Kunstlehrer Fulland. Als es Aufgabe ist, an Nägeln auf einem Brett Fadenmuster zu spannen, und unter den Fäden etwas zu gestalten, kippt Sibylle unter ihren gespannten Fäden kurzerhand Sand auf das Brett. Herr Fulland ist von Sibylles Werk und ihrem Mut, nicht einfach seinen Anweisungen zu folgen, sondern etwas Eigenes entstehen zu lassen, so begeistert, dass er fragt, ob er es haben kann. Jahre später, als sie ihn besucht, er unterrichtet sie längst nicht mehr, sieht sie es bei ihm zu Hause an der Wand hängen. ‚Unbeschreiblich stolz,’ ist sie da.

Er ist ein besonderer Lehrer, der Sibylles Kreativität nicht nur Raum gibt, sondern die eigensinnige Schülerin auch immer wieder ermutigt, ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Nach dem Abitur entscheidet sich Sibylle für ein Grundschullehramtsstudium kombiniert mit Kunstpädagogik.

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‚Beim Kunstmachen’, sagt sie, ‚das hatte ich selbst erfahren, lernt man sich selbst kennen. Es ist das Wichtigste, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln.’ Diese Erfahrung möchte sie weitergeben.

Dass Sibylle nicht ‚nur’ freie Kunst studiert, sondern in Kombination mit einem ‚richtigen’ Beruf, hängt möglicherweise auch mit den Eltern zusammen, die sich beide, trotz künstlerischer Begabungen, dazu entschieden haben, einen konventionellen Beruf zu ergreifen. Die wunderschönen Landschaftszeichnungen und Aquarelle der Mutter entdeckt Sibylle erst viel, viel später, als diese den Pinsel längst zugunsten der beiden Töchter in der Schublade liegen gelassen hat.

Auch wenn Sibylle es auf den ersten Blick den Eltern gleich tut und einen sicheren Weg wählt, bricht sie bereits im Studium aus. Sie verbringt den Großteil der Zeit in den zur Kunstpädagogik gehörenden Ateliers und fängt an, die ersten eigenen Projekte zu entwickeln.

Es ist eine Suche. Der Gedanke, eine neue Form zu finden, eine noch nie dagewesene, fasziniert sie. Sie sucht, immer mit einem Augenzwinkern und mit einem humorvollen Blick auf die Dinge. Sie weiß, sie ist nicht die erste, die danach sucht und sich bewusst, dass sie, auch wenn es diese Form noch nicht von Menschenhand gemacht gibt, bereits irgendwo da draußen in der Natur existiert.

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Nach dem Studienabschluss beginnt das Referendariat. Sibylle lernt den Vater ihrer Tochter kennen, sie wird schwanger und bringt, 1995, noch im Referendariat, ihre Tochter Philine zur Welt.

Während dieser Zeit fertigt sie erste Auftragsarbeiten an, dreidimensionale Portraits, Büsten. Sie arbeitet in ihrer ersten vollen Stelle als Lehrerin, in der freien Zeit ist sie Mutter und sie modelliert. Wenig später entstehen die Typenköpfe, die erste große zusammenhängende Arbeit aus Ton. Charaktertypen, die einen Partner suchen – und finden. In Kleinanzeigen formuliert Sibylle Texte, die die Köpfe zueinanderfinden lässt.

Es folgt die ‚Badeanstalt Wonneglück’. Eine Serie kleiner Skulpturen aus Bronze. Ältere Männer in Badehose, deren ganze Lebensfreude sich in Breakdance-Figuren ausdrückt. Man möchte mittanzen, etwas von dieser Freude abhaben!

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Für das darauf folgende Projekt entdeckt Sibylle ein neues Material, Kunstharz. Inspirationsorgane nennt sie die erfundenen Organe, von denen einige heute in ihrer Wohnung stehen und auch dort Neugierde und Fragen hervorrufen. Sibylle verfasst zu den einzelnen Organen pseudo-wissenschaftliche Texte: Woher stammen die Organe, sind sie eine Erfindung, sind sie real, woher rührt die Inspiration?

Eine längere Phase wird geprägt durch ein weiteres Material: Garn. Die neue Masche ist Häkeln: ‚Sea Yarn’ nennt Sibylle die Serie. Ganz kleine bis gigantische, organisch anmutende Phantasiegebilde, das größte, eine immense Koralle in hellem Rosa, hat leicht das Zeug, eine Aula zu füllen. Die Reihe steht für Lebendigkeit und ist gleichzeitig eine Kritik an einer Welt, die alles Lebendige einfangen will. Ad absurdum führt Sibylle diesen Umstand, indem sie Unterwasserorgane als Topflappen häkelt, an Haken hängt und in Glaskästen präsentiert. Die Gefangenschaft lebendiger Dinge.

Goldenes Glück im Schwamm

Aus Lurex-Garn entstehen goldene Glücksschwämme, die im Laufe der Zeit immer größer werden. Anschaulicheres Glück kann es kaum geben. Die Geschichten, die Glücksmoment-Geschichten, die Sibylle zu den Schwämmen notiert, werden immer zahlreicher. ‚Irgendwann musste ich damit aufhören,’ sagt Sibylle, ‚ich hätte sonst ewig weitergemacht.’

Obwohl Materialien und Inhalte in Sibylles Werkreihen sehr unterschiedlich sind, fallen zwei Verbindungen auf. Das Gegenständliche und die Geschichten. Diese kleinen, lustigen Geschichten, die einen schmunzeln und nachdenken lassen. Als Sibylle bei ihrer ersten Einzelausstellung Herrn Fulland, dem Kunstlehrer aus dem Gymnasium, wiederbegegnet, bringt dieser seine große Verwunderung zum Ausdruck. Er, der bisher der Meinung war, bildende Kunst habe nicht die Aufgabe, Geschichten zu erzählen, kann kaum fassen, dass Sibylle in all ihren Werkreihen genau das tut und: dass es funktioniert. Er ist begeistert.

Für Sibylle folgt nicht der große Durchbruch, sie wird nicht über Nacht zum Star. Das ist auch gar nicht ihr Wunsch. Sie ist keine, die nach Anerkennung ringt. Neben Einzel- und Gruppenausstellungen, zu denen sie inzwischen eingeladen wird, gibt es zwei Galerien, die sich für sie interessieren. 2005 ist sie auf der Hessiale vertreten, sie macht Kunst am Bau, ihr Name etabliert sich. Doch Sibylle forciert nichts.

Und dann ist es natürlich so weit: Ich, als Klischeedenkerin, frage nach Krisen. Sibylle lacht aus vollem Halse! Es gibt keine Krise.

Allerdings einen Bruch.

Er beginnt mit dem Umzug nach Hamburg. Sibylle löst das Wiesbadener Atelier auf. Sie verkauft, lagert ein und zieht mit Philine um. Sie schließt alte Projekte ab, weiterhin wird sie zu Ausstellungen eingeladen. Über vier Jahre entsteht nichts Neues.

‚Hört sich aber nach Krise an…’, insistiere ich.

‚In den Wiesbadener Jahren, für die Zeit, die mir neben Philine und Geldverdienen blieb, habe ich extrem viel produziert. Vielleicht ist das danach dann eine Art Krise gewesen’, sagt sie nachdenklich, ‚vielleicht war es aber auch eine Regenerationsphase oder eine Art der Ausgeglichenheit. Wohl eher das.’ Sie hebt die Schultern, ‚Ich habe mich nicht schlecht gefühlt dabei!’ Dann, ein Funkeln in den Augen: ‚… das passt vielleicht nicht zu einer Künstlerseele.’

Die Hamburger Köpfe

Ich denke, es passt vielleicht nicht zum Klischee, aber sehr gut zu ihrer Künstlerseele.

Und dann entsteht doch etwas Neues. 2011 beginnt Sibylle eine neue Serie. Wald. Bäume. Licht und Schatten, Holzreliefs, geschnitzte und glatte Oberflächen.

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Allerdings ist diesmal alles anders. Das Gegenständliche ist im weitesten Sinne reduziert und: es fehlt der Text. Wer glaubt, es könnte ihr die Sprache verschlagen haben, irrt. Die Worte sind in ein Kinderbuch gewandert, das natürlich, neben einer Detektivgeschichte, auch noch von einem handelt: Ihrer großen Leidenschaft, der Kunst.

Sibylle Mayrs Webseite: http://www.sibylle-mayr.de

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