10.12.2014 Begegnung mit einem Hund

Die Nacht war kühl. Heizung, warme Decke und Übermüdung lassen mich jedoch tief schlafen. Einmal, kurz nach vier, wache ich auf: Eine singende Männerstimme! Es ist der Adhan, der Gebetsruf der Muslime, der fünfmal täglich über Lautsprecher in die Stadt hallt. Ich finde ein bisschen früh. Beim Frühstück in der Sonne höre ich ihn zum zweiten Mal. Mit mir frühstückt ein holländisches Ehepaar, das meinem Zimmer gegenüber wohnt. Sie schwärmen vom Musée de la Photographie und dem Jardin Yves Saint Laurent – und von der Wüste aus der sie gerade kommen.

Gegen Mittag beginne ich mit der Suche nach dem Fotografiemuseum, lande jedoch ganz woanders: In einem gepflegten Park neben einer gigantischen Moschee.

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Ein kleiner erhöhter Pavillon gibt den Blick hinter den sauber gestutzten Hecken frei. Im kurz geschnittenen Gras unter Orangenbäumen schlafen zwei Hunde. Ich schnalze mit der Zunge. Schlafende Hunde wecken … fürs Foto. Zu spät denke ich an die Tollwut, an die Arztworte. Einer hebt den Kopf, sieht mich, erhebt sich ohne Eile, kommt federnden Gangs in meine Richtung. Er muss erst um den Pavillon herumlaufen, um zu mir zu gelangen, tollwütig wirkt er nicht. Ich drehe ihm den Rücken zu, fotografiere die Stelle, an der er eben noch gelegen hat, bloß kein Interesse zeigen. Ich spüre, dass er jetzt neben mir steht, sehe aus dem Augenwinkel hellbraunes Fell. Er steht dort einen Augenblick, dann bewegt sich meine Tasche ganz leicht, er muss sacht mit der Schnauze dagegen gestoßen sein. Als ich mich nicht rege, läuft er die Promenade hinauf, dreht sich nicht einmal um. Ein beeindruckend zurückhaltender Hund. Könnten sich die Herren vom großen Platz etwas abschauen.

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Natürlich muss ich wieder in den Souk. Heute gehe ich königinnengleich, trage die Tasche in der Hand, als habe ich ein wichtiges Ziel, Staatsempfang beispielsweise. Ich werde kaum angesprochen. Und wenn doch, reicht ein kurzes ‚Merci, ne m’intéresse pas’, um den Sprecher innehalten zu lassen. Mir gehört der Souk!

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Gehobener Stimmung trinke ich im ‚Aqua’ einen Minztee nach dem anderen, winke sich nähernde Schuhputzer von meinem Tisch und esse schließlich eine Pizza. Ja, die hätte ich ebenso in Hamburg essen können, das stimmt. Nachdem ich jedoch gestern von irgendeinem marokkanischen Gewürz einen heftigen Asthmaanfall bekommen habe, beginne ich langsam.

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Es sind nicht nur die schönen und besonderen Dinge, die beim Gang über den Basar jetzt sichtbar werden, es ist auch die fehlende Sozialversorgung, die Armut, vor allem bei den Alten, die nicht zu übersehen ist. Eine winzig kleine, uralte Frau, die mitten auf dem Platz zwischen Plastikplanen ihr Lager aufschlägt, ein verhutzeltes Männlein, das sich in einem schmalen Hauseingang, der gleichzeitig sein Marktstand zu sein scheint, in einem Verschlag zum Schlafen hingelegt hat.

 

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Zwei Blinde, die sich gegenseitig führen, ohne Blindenstab und dabei über zum Verkauf auf dem Boden liegende Ware stolpern. Zahnlose, die einen Napf vor sich halten und im vergeblichen Singsang um Almosen bitten, Menschen in uralten Rollstühlen, manchmal auch Kinder, eine Frau ohne Augen, die leer in die Gasse schaut, auf einer dünnen Decke kauernd. Man möchte jedem etwas in die Hand legen.

 

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Später, als es dämmert und ich wieder auf dem großen Platz lande, haben sich dort unzählige Menschenansammlungen gebildet, vornehmlich Männer im Kreisinnern. Einer kündigt zwei Jungs an, vielleicht fünfzehn, die gegeneinander boxen werden. Der eine kaum größer als einsfünfzig, der andere, dunkelhäutig und anderthalb Köpfe größer. Es wird Geld gesammelt und auf den Boden gelegt. Der Kleine springt wie aufgezogen um den Großen herum, boxt ihn mit dicken roten Handschuhen wo er kann. Der Große hält die gepolsterten schwarzen Fäuste vors Gesicht. Einige, vornehmlich Frauen, wenden sich ab. Ich auch.

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Ein Vater mit zwei Söhnen steht ziemlich verloren an einem Kreis, aus dem die Jungs Cola- oder Spriteflaschen angeln können, wie das Entenangeln auf dem Hamburger Dom.

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Und dann gibt es die Kreise, in denen einzelne, theatralisch gestikulierende Männer stehen und etwas erzählen. Ich mag die gespannte Atmosphäre im Kreis, ich mag die Gesichter der Zuhörer,  die dort stehen, mit aufgerissenen Augen, offenem Mund, verzauberten Kindern gleich. Das, erklärt mir Maria später, sind die Geschichtenerzähler. Es gibt sie noch.

 

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