30.12.2014 Visite

Ich bekomme Besuch. Von meiner Freundin M. aus H.

Zu zweit nehme ich die Stadt, die Menschen, noch einmal anders wahr. Wohl auch, weil wir uns auf Gespräche und Situationen einlassen, denen ich alleine bisher aus dem Weg gegangen bin. Händler bitten uns in ihre kleinen Verkaufsräume, nötigen uns Platz zu nehmen, breiten vor uns ihre von Brüdern und Schwestern hergestellten Schmuckstücke aus, erzählen traurige und anrührende Geschichten, zeigen vergilbte Fotos aus der Wüste in kleinen Steckalben, abgegriffen, tausendmal gezeigt. Und als wir dann nichts kaufen wollen, was wir übrigens schon beim Eintreten gesagt haben, folgt das, was ich schon in Marrakech beobachtet habe, es stellt sich eine unterschwellige schlechte Laune bei unserem Gegenüber ein. Eine Masche, ich weiß es. Dennoch ärgere ich mich. Wer hat Lust, etwas zu kaufen, weil jemand ihn dazu nötigt?

Anders Abdelhadi Derhy in der Rue Attarine 13, der ‚Kästchenmann’. Wir nennen ihn so. Er macht aus Thuyaholz wunderschöne Kästen. Man sieht sie hier an jeder Ecke. Diese hier aber sind besonders. Aus besonders schönem Holz, besonders sorgfältig gearbeitet, schlicht, in unzähligen Größen und mit ganz besonderem Innenleben, Extrafächern, – deckeln, Vertiefungen – und einem besonders zurückhaltenden, sehr, sehr freundlichen Verkäufer, der gleichzeitig auch der Hersteller dieser kleinen Schatztruhen ist. Eine Wohltat dieser Mann. Er wird nicht müde, unsere Preisanfragen zu beantworten, Kästchen zu öffnen, zu schließen, umzudrehen, sie uns berühren zu lassen und als wir beim ersten Mal sagen, wir kämen wieder, später, weil wir jetzt nichts tragen wollten, lächelt er sanft und sagt ‚Inschallah’ (so Gott will), hält uns die Tür auf und wünscht uns einen schönen Tag.

Mittlerweile haben wir natürlich einige der schönen Kästen gekauft. Wenn ich allerdings nach jeder ‚schlechten’ Händlerbegegnung hierher komme, um meine Gefühle zu neutralisieren, endet die Sache schlimm.

Kaestchen

 

Abends liest M. mir aus dem Canetti* vor. Seit Marrakech habe ich vor, das Buch zu lesen. Jetzt bekomme ich daraus vorgelesen. Mit Blick auf Felsen, Meer und Medina. Ich schließe zwischendurch die Augen. Bin tief in diesem wunderbaren Land und begreife immer mehr.

 

*http://www.dieterwunderlich.de/Canetti_marrakesch.htm

nachts

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