Die Schweiz -Eine Wiederbegegnung nach vielen, vielen Jahren (zwanzig vielleicht)

(es handelt sich hier um einen alten Text, den ich aus der ‚Schublade‘ gezogen habe, wegen der Verbotsschild-Parallele zu London )

Herzlich Willkommen!

Als ich klein war fuhren wir manchmal in die Schweiz. Die Schweiz war toll. Alles war sauber. Richtig sauber. Und die Schweizer standen schon immer für Fortschritt und Weitsicht: Damals war in Deutschland noch keinem in den Sinn gekommen, dass es eines Tages den grünen Punkt geben würde, die Schweizer aber hatten vor ihren Supermarkteingängen bereits große Ständer stehen, in die sollte man die leeren und bitteschön ausgespülten Joghurtgläser hineinstellen. Pappkartons wurden von Plastik getrennt, Blech von Glas und an Bahnübergängen standen Schilder, die höflich darum baten, den Motor abzustellen.

Auf den Bergen, sehr hoch und sehr spitz, lag sommers wie winters der blütenweiße Schnee. Unten im Tal rauschten klare Gebirgsbäche in Türkisblau, Schneeweiß und Blaugrün und die Luft war so rein, dass man sie nicht nur einfach ein- und ausatmen durfte sondern sie förmlich inhalieren musste, sagten die Eltern.

Eigentlich muss ich es gar nicht erwähnen, dieses Produkt, auf dessen Herstellung in seiner höchsten Vollendung sich nur die Eidgenossen – und wirklich nur diese – verstehen. Es gibt kein Land auf dieser Welt, in das man reist, nur um dessen Schokolade zu essen – außer der Schweiz. Das ist die Schweizer Schokolade: unübertroffen und sie im Detail zu beschreiben macht mich ganz verrückt. Man kann süchtig werden nach dem Zeug, vor allem dem mit den Honigkrokant-Stückchen in Weiß drin. Mindestens genauso gut waren allerdings die weißen Negerküsse* mit dem dicken weißen Schokoladeüberzug, der knackte, wenn man hineinbiss, kurz bevor man auf die zäh-klebrige weiße Füllung stieß, die so großartig zwischen den Zähnen hängen blieb und nichts war außer Luft und Süße. Aber all das wurde noch übertroffen von Ovomaltine. Diesem leicht malzig-salzig schmeckenden Schokoladenpulver, das sich bei der Verbindung mit Speichel in einen dickflüssigen Brei mit Kakaogeschmack verwandelte …

Unsere Eltern liebten längerlebige Güter, zum Beispiel Schuhe der Firma Bally. Wir fuhren, auch weil das mit drei Kindern letztendlich lohnte, direkt zur Schuhfabrik und kauften für jeden einige Paar, die an Ort und Stelle erst einmal straßauf und straßab getragen werden mussten, damit die Ledersohle ein paar Macken bekam, um die Zollbeamten zu täuschen. Neue Schuhe mussten verzollt werden. Das war nämlich das nächste aufregende an der Schweiz: der Zoll. Würden uns die Beamten mit den grünen Umhängen, die ihnen das Aussehen von Schafhirten verliehen, anhalten und filzen?  Ja oder nein. Wir lernten im Laufe der Zeit unsere Prognosen ziemlich treffsicher abzugeben. Es waren die Gesichter, die die Kerle machten, sie inspirierten uns ungemein, meistens hatten wir aber wohl auch nur Glück oder die Kerle hatten einfach nette Gesichter und wir Kinder schauten dann schadenfroh auf die raus gewunkenen Wagen, von denen unsere Eltern sagten, das seien echte Banditen, das würde man sehen … wir doch nicht!

Kaffee war auch mitnehmenswert. Der roch gut und wir freuten uns, wenn wir ein Paket zu viel im Auto hatten, weil das die Aufregung am Zoll erheblich steigerte. Natürlich sind meine Eltern ehrbare Leute und von Schmuggeln kann nicht die Rede sein, aber kleine Abenteuer waren das schon, unsere Grenzüberfahrten.

Nun ist es lange her, dass ich in diesem Land war. Bestimmt fünfzehn, zwanzig Jahre. Ich bin erwachsen geworden und gespannt, was sich zu den in erster Linie kulinarischen Erinnerungen aus meiner Kindheit an neuen Eindrücken gesellen wird. Natürlich vergleiche ich auch. Die Schweiz ist immer noch sehr sauber. Zürich ist hübsch anzusehen. Sogar die Mülleimer sind hübsch. Und die Menschen sind freundlich, sehr freundlich, ernsthaft freundlich, sie nehmen sich Zeit, einen zu begrüßen, einen dabei anzusehen, sie sind zuvorkommend, gastfreundlich und gut gelaunt, auch wenn der Züricher See mehrere Tage von Nebel verhangen ist und sich nicht zeigen mag, sie lächeln und es ist ein gutes Lächeln.

Die Schweizer sind ordentlich. Man sieht es an ihren Straßen und ihrem Parkverhalten. Sie parken in Reih und Glied und immer innerhalb der weißen Streifen und halten sich an vorgegebene Parkzeiten. Das Parkplatz – System ist teilweise sogar so ausgeklügelt, dass man gar kein Billet mehr lösen muss sondern nur noch seine Parkplatz-Nummer in einen Automaten eingibt, Fränkli einwirft und gut ist es.Der vorbeischauende Ordnungshüter, sowie jeder andere Passant – man selbst natürlich auch – kann mit einem Knopfdruck sehen, ob die Parkzeit noch läuft oder ob sie schon überfällig ist.

Hier in meiner Straße in Hamburg würde mindestens ein Drittel so tun, als ob die Uhr nicht existent wäre, das zweite Drittel würde einfach nicht bezahlen (alles Hausbesetzer, würde mein Vater sagen!), das dritte Drittel eventuell, meine Hand dafür ins Feuer legen würde ich aber nicht.

In der Schweiz gibt es eine Armee an Ordnungshütern und deshalb gibt es keine Drittel sondern nur ein Ganzes und das hält sich daran. Woran? An alles. Und wer auf einen solchen Ordnungshüter trifft, der merkt recht bald, dass der Schweizer mit all seiner Freundlichkeit und all seiner Gastfreundschaft ein unerbittlicher Mensch ist, was das Beachten der Gesetze angeht. So stehe ich eines Mittags in einer Parkzone über der ein Schild hängt, ich dürfe als Anwohner parken und als Nicht-Anwohner mit Parkkarte (meint: Parkscheibe). Die stelle ich, der Wahrheit entsprechend, auf zwölf Uhr mittags. Drei Stunden später hängt ein kleiner weißer Zettel unter meiner Windschutzscheibe und in einiger Entfernung, die Straße aufwärts sehe ich einen Ordnungshüter dicht an den sauber geparkten Autos entlang gehen. Meine Großtante, der ich gerade einen Besuch abstatte, selbst inzwischen Schweizer Staatsbürgerin, kann sich den weißen Zettel, der sich bei näherem Hinsehen als Strafzettel erweist, nicht wirklich erklären und empfiehlt mir, den Ordnungshüter anzusprechen. Also eile ich ihm hinterher und lasse ihn wissen, dass dies doch ein Mietwagen und ich mit den Parkgepflogenheiten in diesem Land noch nicht so vertraut sei und außerdem meine Großtante, die ja nun auch Schweizerin sei, mir gesagt hätte, ich dürfe mit Parkscheibe … und was denn nun dieser Strafzettel … Der Herr ist nett und ich erhoffe mir bei seinem verständnisvollen Lächeln eine Rücknahme dieses vierzig Franken teuren Blättchens, er hört auch nicht auf zu lächeln, als er mir erklärt, es sei meine Pflicht auf der Parkscheiben-Rückseite zu lesen, dass ich, wenn ich vor dreizehn Uhr einparken würde nur drei Stunden stehen dürfe, nach sechzehn Uhr allerdings dann bis zum nächsten Morgen. Ich hätte aber eindeutigerweise schon um zwölf Uhr mit dem Parken begonnen und dem zufolge wäre eine Strafe fällig … Ich sei aber doch nur zu Besuch, und auf meiner Parkscheibe würde hinten drauf überhaupt nichts stehen! Mein Ton wird flehentlich, ich frage mich schon fast ob Tränen ihn vielleicht erweichen könnten. Wer in ein anderes Land führe müsse sich mit der Straßenverkehrsordnung und den Parkmodalitäten dort vertraut machen und ansonsten das Auto-Fahren sein lassen. Der Ordnungshüter lächelt immer noch. ‚Tut mir leid für Sie.’ Sagt er und hält mir eine Parkscheibe hin. Ich vergesse die Tränen und schlucke. ‚Hier, die schenke ich Ihnen.’ Fast bin ich gerührt. Er dreht die Parkscheibe um und zeigt mit seinem sauber manikürten Finger auf die weiße Schrift auf blauem Grund. ’Hier steht’s für Sie nochmal zum Nachlesen. Gueti Zait.’ Und lässt mich stehen, mit meiner neuen Parkscheibe in der Hand.

‚Das zahlst du nicht!’, Sagt meine Großtante, ‚das ist doch eine Unverschämtheit, wie soll man denn auf so etwas kommen. Also auf der Rückseite der Parkscheibe, so ein Unfug!’ Ich finde, dass meine halb-echte Schweizer Großtante durchaus recht hat und werfe den Strafzettel, den der Ordnungshüter sorgfältig ausgefüllt hat, in den nächsten Papierkorb. Ich muss allerdings dazu sagen, dass eine echt schweizer Großtante mit Sicherheit aufs Bezahlen bestanden hätte!

Am vorletzten Tag meines Zürich-Besuchs lichtet sich sogar der Nebel und ich kann den See sehen, den wunderschönen Zürich-See. Ich schlendere durch die kleinen Sträßchen, die Sonnenbrille gegen das gleißende Licht, das sich im See spiegelt auf der Nase, betrachte die hübsch arrangierten Schaufenster und kaufe kleine Geschenke. Irgendwann lockt der See . Ich möchte an seinem Ufer sitzen, sehen, ob Boote fahren, vielleicht gibt es hungrige Enten. Ich gehe, ganz in Ruhe, in Richtung Seeufer, denn ich weiß mein Auto in einer ausgewiesenen Parkzone vor der Oper auf einem bezahlten Parkplatz und damit für die nächste Stunde in Sicherheit. Nur noch eine Straße muss ich überqueren, von Weitem sehe ich bereits eine grüne Plastikbanderole über dem Weg zum Seeufer hängen, ‚Herzlich Willkommen am Zürich See’, steht darauf. Das ist ja mal nett, denke ich, die Schweizer sind wirklich unübertroffen in ihrer Freundlichkeit. Als ich näher komme lese ich vier kleine Bemerkungen unter der freundlichen Begrüßung: Hunde anleinen! Abfall in Mülleimer! Kein Feuer! Feiern verboten! Vier Ohrfeigen, noch bevor irgendetwas passiert ist! Da ist doch wieder der kleine Ordnungshüter im Schweizer, diesmal weiß auf grün. Großartig. Er kanns nicht lassen! Fast amüsiert es mich, aber die Lust, mir das Seeufer von Nahem anzusehen ist mir vergangen.

Dann mein letzter Tag. Ein sonniger Tag, mit freiem Blick auf den Zürich See, dem ich aber auch diesmal nicht allzu nahe komme. Ich fahre zum Flughafen, um meine Koffer einzuchecken. Parke in einer dafür vorgesehenen Zone, diesmal darf man hier nur 15 Minuten! Ich sage mir, ich werde das schaffen, habe aber nicht mit einem schwachen Rücken und dem schweren Koffer, noch viel weniger mit meiner orthopädisch bedenklichen Art, den schweren Koffer auf das Laufband der Lufthansa zu stellen, gerechnet. Und dann passiert das Unvorhersehbare: ich kann mich, nachdem ich den Koffer auf das Band gestellt habe, nicht mehr aufrichten, der Schmerz nötigt mich in eine gebeugte Haltung, Schweiß läuft mir über die Stirn und die Wirbelsäule entlang, ich habe das Gefühl, der Rücken ist gelähmt und denke nur an das Auto und dass die 15 Minuten jetzt um sein werden. Die Dame am Schalter erklärt mir viel zu lang (jetzt sind bestimmt 17 Minuten um) wo es zum Medical Center geht. Ein langer, komplizierter Weg, mein Gott, als ob das die Quarantäne-Station wäre, meilenweit vom eigentlichen Geschehen entfernt! Auf dem Weg zum Medical Center (inzwischen sind mit Sicherheit 20 Minuten verstrichen) verlaufe ich mich zwei Mal, dann entscheide ich mich um, durch eine Glasscheibe habe ich einen Ordnungshüter am Parkstreifen entlanggehen sehe. An dem Parkstreifen, auf dem natürlich auch mein Auto steht! Ich müsste ein neues Ticket ziehen. Aber der Weg bis zum Wagen ist schmerzvoll weit.

„Hallo…!“ Rufe ich. „Halloooo!“ Auf ‚Hallo‘ reagiert der Ordnungshüter jedoch nicht, ich muss einen Zahn zulegen, stütze eine Hand in den vor Schmerz gekrümmten Rücken und nähere mich dem Herrn von hinten im Schweinsgalopp. Erst als ich auf seiner Höhe bin, zeigt er eine kleine Reaktion, er neigt den Kopf leicht seitlich, aber ansehen tut er mich noch nicht. „Entschuldigen Sie bitte,“ ich bin noch ganz außer Atem und merke, wie mir einige Schweißperlen  die Schläfe herunter laufen, Tröpfchen für Tröpfchen, „ich habe mein Auto ganz da vorne geparkt und…“ und ich erzähle ihm knapp meine Leidensgeschichte und schließe mit den Worten „vielleicht könnten Sie davon absehen, mich aufzuschreiben, ich weiß nämlich nicht, wie lange ich im Medical Center warten muss und zwischendurch Fränkli einwerfen, das sehn Sie ja selbst, das geht schlecht.“ Jetzt sieht er mich von oben bis unten an, der Herr Ordnungshüter, fehlt nur noch, dass er mich anriecht, er lächelt nicht, er sagt nur „Ich gehe in diese Richtung, sehn Sie?“ Er zeigt von meinem Auto aus in die entgegen gesetzte Richtung. „Ja.“ Sage ich. „Und?“ „So ischt das.“ Er nickt sich selber zu und geht weiter. Ich hinke ihm hinterher. „Was soll das heißen? Kann ich davon ausgehen, dass Sie mich nicht aufschreiben, wenn ich es nicht schaffe rechtzeitig…?“ „Ich habe Ihnen doch gesagt, ich gehe in diese Richtung. Gell?“ Er zeigt noch einmal seine Laufrichtung mit dem Arm an und sieht mich dabei leicht ungehalten an. „Ja, das hab ich schon verstanden, aber ich … ich kann doch nicht … mit den Schmerzen … ich wollte doch nur wissen, ob Sie von einer Anzeige absehen, wenn …“ „Gell, Sie haben mich schon verstanden!“ Seine Augen funkeln, seine Stimme hat einen Unheil verkündenden Unterton, er legt noch einen Zacken zu, er hängt mich ab und verschwindet in die von ihm angezeigte Richtung.

Dann halt nicht, denke ich, Blödmann, denke ich auch, sage ich natürlich nicht, aber denken kann ja nicht verboten sein. Jedenfalls steht es nirgendwo. Oder vielleicht doch … es lohnt sich sicherlich auf der Rückseite des Flugtickets nachzusehen. Denken Sie bei Ihrem nächsten Schweizbesuch daran.

*die Süßigkeit trug diesen Namen

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