02.01.2015 Gedanken über die Frauen

Eine Frau, die allein nach Marrakech reist, begeht vielleicht zwei, drei Fehler, bevor sie begreift, wie die Gesellschaft hier funktioniert.

Der erste Fehler wird der sein, dass sie, auf der Suche nach dem Weg, einen Mann anspricht. Das wird sie aus einem ganz einfachen Grund tun: Herumstehende Frauen, die man fragen könnte, gibt es nicht. Wenn sie großes Glück hat, bekommt sie ohne Umschweife den richtigen Weg genannt. Wenn es normal läuft, muss sie sich komplizierte Beschreibungen anhören, ein paar Dihram bezahlen (‚gib mir so viel, wie es Dir wert ist’, wird der Mann am Ende seiner Ausführungen sagen) und dann kann sie ihres Wegs ziehen. Wenn es nicht ganz so gut läuft, aber immer noch normal, wird der Mann nicht auf ihre Frage eingehen sondern mit einer Gegenfrage antworten. Möglicherweise endet das Ganze in ein, zwei Läden, in die er sie begleitet. Schlecht läuft es, wenn der Mann, wie in meinem Fall, aus der Suche nach dem Weg eine begleitete Stadtführung macht und die Hälfte des Souks davon profitieren lässt. Mein Lehrgeld hängt in Form einer ägyptischen Banknote, das man mir in einem Laden als Wechselgeld angedreht hat, an der Wand. Heute weiß ich, das wichtigste ist Zeit. Zeit, die ich mir selbst gebe, zur Beobachtung. Zeit, mir Dinge, wie das Aussehen der fremden Banknoten und Münzen einzuprägen (wer das nicht tut, begeht Fehler Nummer zwei), Wege zu merken, den Aufbau eines Marktstandes, die Melodie der Rufe einzuprägen.

Erst als ich aufhöre zu staunen, etwas tiefer sehen kann, bemerke ich: Die Männer sind in erster Linie Dekoration. Sie sitzen, stehen, rauchen, reden, lachen, diskutieren an jeder Ecke. Wer sich an einen Mann auf der Straße hält kommt nicht weit. Vielleicht sind sie so etwas wie die Maske, das Bollwerk dieser Gesellschaft.

Jetzt sehe ich Frauen. Sie sind in Bewegung, selten, dass eine im Sonnenlicht steht oder sitzt, sie halten sich im Schatten auf. Sie tragen Einkäufe, Aktentaschen, Kinder. Sie arbeiten. Sie lächeln sanft und freundlich, wenn ich sie anlächle und wenn ich nach dem Weg oder um eine andere Information bitte, bleiben sie stehen und nehmen sich Zeit, zu erklären. Keine von ihnen hat jemals die Hand aufgehalten oder um etwas gebeten. Im Moment des Begreifens gehöre ich dazu. Auch wenn ich anders gekleidet und offensichtlich andersgläubig bin. Im Hammam, auf der Straße, in Geschäften, in Cafés und im Privaten. Die Frauen geben mir die besten Stücke, das unbeschädigte Obst und Gemüse, den normalen Preis, das sauber gewebte Tuch. Von den Frauen erfahre ich die Wahrheit

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