18/04/16 Ich muss nicht in den Knast!

Ich wusste, dass an diesem Tag die Entscheidung fällt.

Trotzdem bin ich vor Freude schier in Ohnmacht gefallen, als mein Telefon klingelte und ein Herr von der Kulturbehörde anrief. Vielleicht weil ich, gefühlte tausend Jahre nach meiner Schulzeit, diesen Nachklassenarbeitenerstmalschlechtfühlen-Mechanismus  nicht ausschalten kann. Immer noch nicht. Wahrscheinlich niemals.

In der Schule war ich eine von diesen bescheuerten Angsthäsinnen, Feindinnen sagten (allerdings nur in Bezug auf Deutsch und Französisch):Tiefstaplerinnen, eine von denen, die nach Klassenarbeiten betroffen dreinschaute und wenn überhaupt etwas, dann nur ’schlechtes Gefühl‘ oder ‚war nicht gut‘ sagte. Und das ganz leise. Ja, so war das. Vier Stunden Klausur geschrieben und dann stehen alle rum, rauchen, quatschen, zweifeln, die eine oder andere prahlt vielleicht und ich denke: versiebt. Bis zur Rückgabe verdränge ich, dass ich an der Klausur teilgenommen habe. Und dann ist die Freude, dass ich nicht versagt habe so unermesslich groß, dass ich vor Glück heule. Es fühlt sich ein bisschen so an wie damals. Nur um ein vielfaches besser: Ich fahre aufs Schloss Justiniac, vier Wochen! Vier Wochen schreiben, ohne Alltag.

Ich hatte der Kulturbehörde in meiner Bewerbung geschrieben, dass ich Ruhe brauche, dass ich schreiben möchte, dass ich mir Gedanken gemacht habe und mich die Idee ereilt habe, ich könne Schwarzfahren und mich dabei erwischen lassen, die Strafe nicht bezahlen, beides mehrfach und dann Ruhe finden, im Knast. Meine Mutter sagte, ganz schön gewagt, sich so zu bewerben, mit der Androhung einer Straftat … Ich musste sehr lachen, meine Mutter verpasst lieber die Bahn, als schwarz zu fahren.  Aber es hat geklappt! Ich muss nicht in den Knast! Ich darf aufs Schloss!!! Meinen herzlichsten Dank an die Hamburger Kulturbehörde! Und allen voran: Dr. Wolfgang Schömel, der mir die frohe Botschaft überbrachte.

Eigentlich müssten wir tanzen

Heinz Helle

Eigentlich müssten wir tanzen

Ein kurzes Buch über das Ende. Das Ende der Welt vielleicht, das Ende von Anstand und Moral auf jeden Fall, das Ende der Menschlichkeit auch. Jedes Kapitel eine Momentaufnahme in einem Schreckenszenario dessen Ursache ich bis zum Ende nicht erfahre. Obwohl ich immer gern alles wissen möchte, diese Lücke tat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch. eigentlich_muessten_wir_tanzen

Der Distelfink

Donna Tartt

Der Distelfink

Erst mal: Was für ein Buch, schon äußerlich! Ziegelsteindick und fast ebenso schwer. Ich habe gehört, den ein oder anderen soll schon die Seitenzahl abgeschreckt haben. Muss es nicht.

Ich habe dieses Buch geliebt von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist voller menschlicher, sympathischer, unsympathischer, dreister, liebevoller, abstoßender, herzerweichender, unberechenbarer Charaktere, mit denen ich gern viel mehr Zeit verbracht hätte. Vielleicht auch, weil Tartt eine der wenigen Autor(inn)en ist, die sich darauf versteht (für den Verlauf des Romans) durchaus unwichtige Beschreibungen von (durchaus unwichtigen) Details so wunderbar zu formulieren, dass ich mehr sah, mehr roch, mehr fühlte, als üblicherweise beim Lesen und darum steckte ich ganz tief drin, ging mit, wunderte mich und war nach 1024 Seiten zutiefst enttäuscht, dass das Buch schon zu Ende war.cover225x225

13/01/16 Über Bücher / oder / Als ich Nietzsche dann doch mit nach Hause nahm

Ich hätte sie alle haben können, damals. Korrigiere: fast alle.

So oft es ging, begleitete ich meinen Vater zu seinem Lieblingsbuchhändler, dessen Laden in der hintersten Ecke einer Einkaufspassage lag. Während die beiden sich unterhielten, diskutierten oder in die Haare bekamen, meist genau in dieser Reihenfolge, suchte ich mir in dem verschachtelten Laden Bücher aus, durch deren Kauf mein Vater seinem Buchhändlerfreund später Versöhnung signalisierte. Es war eine Art Spiel, das einer von beiden immer wieder übertrieb. Bisweilen kaufte mein Vater nichts, weil wir vorzeitig den Laden verließen oder verlassen mussten. Dann gingen wir eine Weile zu einem anderen Buchhändler, der weniger streitsüchtig war. Bei ihm fiel meine Ausbeute geringer aus.
Einen Großteil der Bücher, die ich in meiner Teenagerzeit las, verdanke ich tatsächlich dem kleinen, stets zum Debattieren aufgelegten Buchhändler, der im Winter eine überdimensionale, zottelige Schaffellweste trug, die seiner meckernd hohen Stimme einen Körper zu geben schien. Während mein Vater und er sich also ausgiebig stritten, verlor ich mich an Hermann Hesse. An Rilke. An Thomas Mann. Stefan Zweig. Umberto Eco, Michael Ende, Patrick Suesskind, Max Frisch, Dürrenmatt, Wolfgang Borchert, Robert Walser, ich wollte sie alle. Die meisten nahm ich mit nach Hause.
Zu den Geburtstagen wünschte ich mir neue Regale. Ich überlegte, mein Bett auf Bücher zu bauen. Einzig die Tatsache, dass das Herankommen durch diese Art der Aufbewahrung schwierig geworden wäre, hielt mich davon ab. Ich stapelte sie dafür an den Wänden, eine gefährliche Innenverkleidung, die häufig einstürzte, deren Anblick mich aber glücklich machte.
Einen gab es allerdings, den bekam ich nicht.
Friedrich Nietzsche. Und mal gleich vorweg: Ich bekam ihn nicht, nahm ihn aber trotzdem eines Tages mit nach Hause. Er sei für eine Vierzehnjährige nicht geeignet, sagten mein Vater und sein zänkischer Buchhändler in seltenem Einvernehmen. Kaum einer meiner Freunde verstand die Anziehungskraft, die Nietzsche nun plötzlich auf mich ausübte, er sei einfacher zu bekommen als Dope. Darum ging es natürlich nicht. Ich fühlte mich falsch eingeschätzt, unterschätzt. Diese beiden Männer hatten entschieden, ich sei zu (sie sagten:) jung, (aber sie meinten: wenig vorgebildet), um Nietzsche zu verstehen. Ich fühlte mich diskriminiert. Ich begann mit beiden zu streiten. Das war unklug. Wir stritten aneinander vorbei. Mir ging es ums Prinzip, den beiden um Inhalt und Vorgehen. Ich wollte eine Chance zu verstehen, sie sagten, ich könne nicht verstehen ohne zu wissen. Ich wollte die Lizenz zum Alleslesen, sie wollten mir eine Einführung in die Philosophie andrehen. Im Nachhinein ganz sicher eine ausgezeichnete Idee. Mit ein wenig mehr Einfühlungsvermögen der beiden wäre sie vielleicht auch mit mir nach Hause gekommen. So aber stand da eine um Emanzipation ringende, dickköpfige, adoleszente Vierzehnjährige und ärgerte sich maßlos über zwei Männer, die ihr etwas vorenthalten wollten. Es wurde kein Diebstahl, ich kaufte das Buch bei der friedliebenden Konkurrenz. Es war ein dtv Taschenbuch, glaube ich. Also sprach Zarathustra. Das Cover silberfarben, ein wild dreinschauender Nietzsche mit walrossartigem Oberlippenbart blickte mich an. Meine Erwartungen waren groß. Ich las ihn von vorne bis hinten und gebe zu, ich verstand nichts, jedenfalls nichts Gutes, nichts, das Anwendung auf mein Leben gefunden hätte. Ich ärgerte mich maßlos über den Ton, ich hätte auch die Bibel in die Hand nehmen können, ‚Wahrlich, ich sage euch…’ und dann diese sich widersprechenden, für eine Vierzehnjährige in der Tat nicht nachvollziehbaren Behauptungen und Ratschläge.
Friedrich wurde nicht zur großen Liebe, auch später nicht. Vielleicht hätte es anders kommen können, wenn es richtig gelaufen wäre. Hättehätte, genau … und noch ist nicht aller Bücherregale Ende. In der Zwischenzeit habe ich mich mehr der Belletristik denn der Philosophie oder Lyrik zugewandt. Und was soll ich sagen? Es ist wie im richtigen Leben: Hier verknalle ich mich Hals über Kopf und am Ende fällt es mir schwer hinzunehmen, dass es vorbei ist, dort entsteht langsam eine tiefe Liebe, die für immer bleibt. Es gibt auch große Abneigung, manche finde ich so lala, andere langweilig, für mich unbedeutend – und dann gibt es durchaus Bücher, Autoren, mit denen ich nicht warm werde, obwohl ich es immer und immer wieder versuche.
Ich werde sie niemals alle haben geschweige denn lesen können. In dieser Gewissheit und vergleichbar mit der Maxime nichts zu essen, was ich nicht wirklich mag, passiert es hin und wieder, dass ich ein Buch, auch wenn mir ein Großteil gefallen hat, nicht zu Ende lese. So jüngst passiert bei Clemens Setz’ Indigo. Nach zwei Dritteln (sehr gut geschrieben, eingängige Charaktere, hoch interessantes Setting, schöne Beklemmung,) hatte ich das Gefühl, der Plot dümpelt, es gab keine Entwicklung, noch nicht einmal Hoffnung auf Entwicklung, möglicherweise war das Teil des Plots und das sich einstellende Gefühl Absicht des Autors. Muss man aushalten können als Leser. Konnte ich nicht. Außerdem grätschte Feridun Zaimoglus ‚Isabel’ beim Anlesen dazwischen. Das wiederum war Liebe nach der ersten und bis zur letzten Zeile. Und dann warteten da noch viele, viele andere …
Nun werde ich tatsächlich häufig gefragt, was ich gerade lese oder gelesen habe und ob ich ein spezielles Buch empfehlen kann. Letzteres tue ich nur für drei Menschen, die ich wirklich gut kenne. Ebenso wenig mache ich hier Inhaltsangaben, die kann man wunderbar auf Amazon oder Verlagsseiten lesen. Ich berichte hier nur von meinen persönlichen Lese-Erlebnissen.

20.01.2015 Ohne Fisch mit Fisch

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Sonne. Windstille. Noch immer kein Fisch. Im Hafen Sonntagsstimmung (deutsche Sonntagsstimmung – sonntags ist hier für alle – außer Behörden und Ämter – ein normaler Arbeitstag). Vereinzelt Spaziergänger, ein Mann in Trainingsanzug mit einem martialisch anmutenden Kampfhund an der Leine, ein Fischer, der Netze repariert, jemand, der sein Boot mit blauer Farbe streicht, an den Docks drängeln sich Trawler, Kutter und Schaluppen, als wolle der Hafen mit der riesigen Menge an Booten prahlen, die hier ihre Heimat haben.

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Die Wahrheit ist, ein Bootsbesitzer, den wir an den Hütten finden, in denen die Fischer ihr Werkzeug aufbewahren, erzählt es uns, die Wahrheit ist, die Hafenpolizei hat keine Genehmigung zum Auslaufen erteilt. Wer es trotzdem tut, riskiert hohe Strafen.

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Das Meer wirkt ruhig, der Wind still, doch die Kutter bleiben mit 34 Mann an Bord drei Tage auf See – offenbar ist ein Sturm für die kommenden Tage vorhergesagt, das Risiko zu groß.

Dann, ein Geräusch, als sei ein riesiger Stein ins Hafenbecken gefallen. Wasser spritzt, der Kampfhundbesitzer hat geschätzte fünfzig Kilo Hund ins Hafenbecken gestoßen. Mit der Geschwindigkeit eines Tretbootes und mit ähnlichem Geräusch schwimmt er nun, auf der Suche nach einem Ausstieg, am Rand der Mauer entlang.

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Eine Reihe an Zuschauern hat sich eingefunden, als der Brachialschädel des Hunds um die Ecke einer zugänglichen Anlegestelle schaut. Er wird von seinem Besitzer sofort eingefangen und an die Leine gelegt – und ich glaube, nicht nur ich habe an diesem ruhigen fischfreien Sonntag das Gefühl, etwas Außerordentliches erlebt zu haben.

 

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Abendessen im Sonnenuntergang auf der Bastion. Die Sardinen von Essaouira (7 Dihram, umgerechnet vielleicht 60 Cents) sind das Köstlichste, was ich je an eingedostem Fisch gegessen habe. Sie haben nicht nur einfach Sardinen in Salz und Öl eingelegt, diese sind mit Gemüse gekocht, mit Kräutern versetzt und exzellent gewürzt. Dazu ein perfektes Baguette (1 Dihram und ungefähr so, als habe man es direkt aus Paris eingeflogen: harte Kruste, innen weich, aber nicht zu weich und der unverkennbare Nichtsundallesgeschmack).

Und zum Schluss habe ich mit der fast leeren Dose noch eine hungrige Katze glücklich gemacht.

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19.01.2015 Essaouiras anderes Gesicht

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Der Regen hat aufgehört. Noch einmal kurz, während wir mit geliehenen Rädern aus der Stadtmauer in Richtung Norden fahren, geht ein kleiner Schauer nieder, der der Stadt wenig später, im gleißenden Sonnenlicht, einen dunstig goldenen Nebel beschert, eine Gloriole, als sei sie der Hauptdarsteller in einem Bollywoodfilm.

Wir suchen einen Zugang zum Strand von Norden her. Bisher sind wir nur vom Hafen aus zu den Felsen unterhalb der Stadtmauer gelangt und irgendwo auf Höhe von ‚le Bastion’ kam man nicht mehr weiter. Doch außerhalb der Medina, auf Google Maps ist es sichtbar, gehen die Felsen weiter, ein Strand schließt sich an und irgendwo zwischen den Häusern der Neustadt müssen Durchgänge zum Meer sein. Wir fahren am Lima-Bus-Parkplatz gegenüber dem christlichen Friedhof vorbei, dort wo in langen Schlangen Taxen und Busse parken, die nach Marrakech und Agadir fahren. Ankommende und abfahrende Reisende versperren den Weg, Handkarrenfahrer rennen über die Fahrbahn, Droschken dazwischen, Motorroller, Pott- und Gebäckverkäufer. Man muss ein wenig auf seinen Weg achten, ausweichen, nachgeben, Regeln brechen, und weil es alle machen, ist das der sicherste Weg hindurchzukommen. Wir passieren unzählige Vorortwerkstätten, dunkle Löcher, in denen gearbeitet wird, Hammerschläge auf Metall, Schweißgeräte, kleine Flammen in der Dunkelheit der tiefen Räume, beißende Geruchsmischung von Kohlefeuer, Abwasser und Autolack.

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Es wird geraucht, Tee getrunken, ohne Eile, Karosserien und Schrott türmen sich auf dem Gehsteig, Autos stehen reifenlos auf Steine gebockt am Straßenrand, Gerbereien haben gespannte Häute neben der Fahrbahn zum Trocknen aufgestellt, blaue Droschkentaxen parken am Kantstein über viele Meter, die Köpfe der schmalen Pferde verborgen in Hafersäcken, die ihnen um den Hals gehängt wurden. Unweit davon ein Rappe, frei, ohne Zaumzeug, ohne Herr, ohne irgendetwas, läuft leichten, federnden Schritts die Straße entlang, die lange dunkle Mähne weht wie kostbares Tuch im Wind. Apokalyptisches Szenario. Keiner dreht sich nach ihm um. Nur wir halten und starren. Es ist wie in einem Traum.

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Die Gebäude werden größer, verfallener, die Straßen erdiger. Eine gespenstische Kulisse hohläugiger Fabrikruinen, zugenagelter Tore und Fenster umgeben von Schuttbergen, Autowracks und Müll – dann hören wir das Meer und sehen durch eine aufgebrochene Wand in das ehemalige Innere einer Arbeitshalle. Dort steht ein kleiner grüner Baum vor aufgerissenem Mauerwerk und über seine Äste hängen, als habe jemand sie kunstvoll dort drapiert, weiße Plastiktütengirlanden, unheimlich und poetisch zugleich.

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Dahinter, durch einen großen steinernen Rahmen, einen alten Tür- vielleicht Fenstersturz, sehen wir helle Wellen sich vor tiefem Blau türmen, das Meer. Einige hundert Meter zurück in der Medina hat man aus einem der Luxuszimmer des Riad Madida eine ähnliche Aussicht.

Inmitten dieser menschenverlassenen Gegend öffnet sich plötzlich eine gigantische blaue Schiebetür in einer Wand und hinter einem Stapel Paletten treten zwei Männer und eine Frau auf den von Schlaglöchern durchsetzen, lehmigen Weg. Durch die geöffnete Tür sehen wir Mengen an gestapelten CocaCola Kisten, die Tür schließt sich. Wir grüßen und fragen, was für eine Art Gebäude die Ruine mit Meerblick gegenüber früher war.

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Eine Sardinenfabrik sagen sie. All die verfallenen großen Gebäude, die wir ringsum gesehen haben waren früher Sardinenfabriken. Eine ist geblieben. Eine einzige. Aber auch die arbeitet nur noch 5 Monate im Jahr. In dieser Zeit gibt es genügend Fang. Ansonsten ist das Meer an Fischen leer. Marokko hat einen großen Teil der Fischereirechte an Europa und Russland verkauft, für sie selbst reicht es schon lange nicht mehr. Fabriken mussten schließen, die Menschen haben ihre Arbeit verloren.

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Wir fragen wie hoch sie die Arbeitslosenquote hier in Essaouira schätzen. Sechzig bis siebzig Prozent sagen sie und wirken schüchtern, keine Spur von Wut. Welcher Wirtschaftssektor denn in Marokko gut laufen würde, wollen wir wissen. Die Landwirtschaft – sie lächeln – der Tourismus auch. Aber der König, beteuern sie mehrfach, sei gut, der König und der Präsident, der auch, nur was darunter käme, die seien alle unfähig!

Wir fahren an mehreren Märkten vorbei, die an den Souk in Had Dra erinnern. Niedrige, durch Planen bedachte Stände, gefüllt mit Ware der Bauern aus der Umgebung. Wir essen in einer Garküche zwischen Abgasrauch und Grillnebel am Straßenrand ‚Brochettes’ ungeklärter Herkunft, während aus dem offenen Hinterraum eine Babystimme schier unerträglich schreit. Beim Aufstehen sehen wir, es war eine Ziege. Vermutlich ahnte sie, dass bald geschlachtet wird.

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Bisher habe ich die meiste Zeit in meiner ruhigen Parallelwelt auf dem Dach des Hauses verbracht. Wenn ich die Stadt betrat, war ich bei ‚meinem’ Schlachter, Gemüseverkäufer, Lebensmittelladen, habe ‚meinen’ Bettlern Münzen in die Hand gelegt und mich bei jedem über das erkennende Lächeln gefreut, das ich geschenkt bekam. Zwar bin ich häufig wechselnde Wege gegangen, aber kennen tue ich die Stadt deshalb noch lange nicht. Essaouira ist mehr als nur die Medina, die mir jetzt, angesichts dieser weitläufigen, sehr armen Viertel, wie ein Märchenwunderland aus einem alten Buch erscheint, vielleicht auch eine Art Mikrokosmos für Touristen. Selbst die Bettler in den dunklen Gassen der Altstadt wirken beschämend schön, gegen die blanke Armut, die mir draußen vor dem Tor begegnet ist, die vielen Menschen, die ich in den Mülltonnen der bereits Armen nach Essbarem habe suchen sehen.

Dort wo ich heute war, findet das wahre Leben statt. Ich glaube nicht, dass ich heute Nacht so ruhig schlafen werde, wie die Nächte davor.

18.01.2015 Regentag

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Sturm. Regen.

Aber richtig, mit klitschnassem Haar, triefender Jacke, Pfützen und so.

Und zum ersten Mal: Kein Fisch im Hafen. Die sonst übervollen Stände sind verschwunden. Vereinzelt sitzt jemand, eine Handvoll silberglänzende Sardinen vor sich ausgebreitet. In der zum Meer hin offenen Bar am Hafen drücken sich ein paar europäische Gestalten im feuchten Wind an die Wände, leeren schnell das letzte Bier.

16.01.2015 Katzen Eine Annäherung

Ich mag keine Katzen. Das rührt von meiner Allergie gegen ihr Haar. Sie erregen auch nicht mein Mitleid. Mein Herz bleibt steinhart angesichts einer niesenden, hinkenden, räudigen oder einäugigen Katze. An dieser Stelle bin ich empathielos, ich möchte einfach nur, dass sie verschwindet. Auch die Kindchenschemanummer der jüngeren Katzen funktioniert bei mir nicht. Niemals würde ich einer etwas zuleide tun, ich respektiere ihre Anwesenheit auf dieser Erde – aber ich meide sie, gehe ihnen aus dem Weg und wäre froh, sie würden es ebenso mit mir halten. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist, als habe es unter den Katzen dieser Welt genau zu Beginn meiner Marokkoreise einen Aufruf gegeben, bei mir Überzeugungsarbeit zu leisten. Ich meinte, sie würden an jeder Ecke postieren, Kunststücke vorführen, in den groteskesten Posen stehen, liegen, schlafen, nur um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Zu Anfang, in Marrakech noch, habe ich sie größtenteils ignoriert. Das schien mir eine geeignete Methode. Nur zweien von ihnen ging ich auf den Leim. Sie stritten sich, natürlich inszeniert, auf dem Jemaa el Fnaa: laut und ausgiebig und neben einem sehr fotogenen Motorrad, so dass ich hinsehen und irgendwann sogar die Kamera zücken musste, ob dieser filmreifen Darbietung. Ich würde nicht noch einmal darauf hereinfallen.

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In Essaouira dann funktionierte es zu Anfang ganz gut. Hier und dort liefen sie herum. Ich beachtete sie nicht weiter. Beim Frühstück im Café blieb ihr Herumschleichen nah meiner Beine, ihr Betteln, nicht aus, Wasser vertrieb sie. Sie versuchten es natürlich immer wieder.

Am vierten oder fünften Tag gab es einen heftigen Sturm. Ich ging durch den Hafen, bis ganz ans Ende, hinter die Abteile der Schiffsbauer, dort wo die Gendarmerie dem Küchenjungen vom ‚Chez Sam’ vor dem Hinterausgang der ihr gegenüber gelegenen Restaurantküche beim Ausnehmen der Fische zuschauen kann.

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Ich sah wie die Möwen im Wind taumelten und eine etwas kleinere Katze, die den Küchenjungen nicht aus den Augen ließ, sich vor einer Böe in eine Holzkiste ducken. Der Küchenjunge warf eine Handvoll Fischgedärme einige Meter von sich auf den Boden. Während die Katze mit einem Satz aus der Kiste sprang, stieß fast gleichzeitig ein Schwarm Möwen auf die Katze herab. Die Katze sprang mit allen vieren in die Luft und gab einen schrecklichen Laut von sich. Die Vögel, riesige Flugschiffe, für den Bruchteil einer Sekunde beeindruckt, hoben leicht ab, um kurz darauf mit ihren großen Schnäbeln wieder nach der hungrigen Katze zu hacken. In diesem Moment kam ein Gendarm aus dem Polizeigebäude. Er lief unaufgeregt, doch schnell zu der Katze hinüber und vertrieb damit die wild gewordenen Möwen. Er setzte sich zu dem Küchenjungen, sah der noch immer aufgeregt atmenden Katze zu, wie sie die Fischgedärme verschlang und als sie aufgefressen hatte und wie in Dankbarkeit um seine Beine strich, streichelte er sie so liebevoll, dass man hätte meinen können, auch dies sei eine Inszenierung für eine katzenabweisende Frau. Ich weiß nicht warum, aber damit fing es an. Kurz darauf entdeckte ich zwei Katzen, die eine rothaarig, katerdick, die andere braunweißgetigert, ein wenig kleiner, die am Kiel eines Ruderboots wohl vor dem Wind Schutz suchend dicht neben- und aneinander lagen. Der Kater hatte seine Nase am Hinterkopf der Katze vergraben, sie den Kopf an seiner Brust. Das Ensemble rührte mich auf eine merkwürdige Weise. Es hatte etwas Menschliches, womöglich deshalb.

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Nach dem Hafenspaziergang pflege ich den Thé am Bab Sbaa zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Der Platz ist riesig, es gibt unzählige Orte, an denen sich eine Katze hier ungestört zum Schlafen legen kann, doch diese, deren weißes Fell von einzelnen getigerten Flecken durchsetzt war, hatte die Sitzbank eines vor dem Café geparkten Motorrollers gewählt. Sie schlief tief und fest, als sei er eigens für sie hier abgestellt worden. Katzenurvertrauen. Ich beachtete sie zunächst nicht weiter. Als ich gerade aufstehen wollte, sah ich, der Besitzer des Rollers war aufgetaucht. Eine Handbewegung, die Katze wäre vom Sitz, von dem sie immerhin zweidrittel in Anspruch nahm, verschwunden. Er aber setzte sich behutsam auf das verbleibende vordere Drittel, startete den Motor und fuhr mitsamt der schlafenden Katze vom Platz. Das Tier hatte noch nicht einmal ein Auge geöffnet.

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Gott behüte! Ich bin weit davon entfernt, auf den Gedanken zu kommen, eine Katze zu streicheln. Vielleicht kann gesteigerte Sympathie zur Desensibilisierung beitragen – von Berührung bin ich jedoch weit entfernt. Was ich nicht verhehlen kann ist, dass sie es auf wundersame Weise geschafft haben, sich einen Platz in meinem Herzen zu erschleichen.

15.01.2015 Histoire d’amour (Pas la mienne)

herzEine Europäerin trifft einen Beduinen.

Er hat einen kleinen Laden, zwei Quadratmeter vielleicht. Er ist mit blauen Tüchern ausgeschlagen, eine kleine Sitzbank an der Seite, bedeckt mit schweren Decken. Mit sanfter Stimme spricht er die Vorübergehenden an, lockend die Melodie seiner Worte. Die Europäerin ist schon einige Male vorbeigekommen. Es war sein Blick, der irgendwas versprach, der samtene Tonfall seiner Rede, der an etwas rührte. Sie sehnte sich und wusste nicht nach was, ahnte aber, dass er es ihr geben konnte.

Er lädt auf einen Tee. Sie sitzt, ist angekommen, hört zu, ist bald gefangen, in Bildern grenzenloser Schönheit, Weite, Ruhe, in seinem Blick. Er spricht vom Hunger, der Männer wie Frauen gleichsam treibt, einen Ort zu finden, der frei ist von allem. Er, der Sohn des Sandes weiß wohin. Er begleitet, er führt sie. Jetzt weiß sie was es ist, warum sie wiederkam. Sie nimmt ihn abends mit, den Traum zu Ende träumen.

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Am nächsten Morgen klopft der Vermieter an die Tür. Der Sandmann muss gehen. Sie hat kein Recht, Träume in Person des Wüstensohns mit in fremde Häuser zu nehmen. Später, im kleinen Traumverkaufsraum sagt der Beduine ihr den Preis. Siebentausend Dihram kostet  der Weg in die Wüste.

11.01.2014 Had Dra die Zweite

 

Had Dra. Zweiter Versuch. Diesmal auf eigene Faust, mit dem Motor-Roller.

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Von der Hauptstraße in Richtung Marrakech aus liegt die riesige Marktfläche linksseits der Straße. Schön ist der Souk nicht. Laut, voller Menschen, Verkehr, schmutzig. Handkarren, Eselskarren, Autos, Transporter, Pick-ups.

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Jeder versucht mit seinem Gefährt irgendwie hindurch zu kommen, macht mit Rufen auf sich aufmerksam, manchmal auch einfach nur mit dem Gefährt. Man muss aufpassen. Der Boden ist stellenweise aufgeweicht und schlammig. Stoffe, Metall, Obst, Gemüse, Handwerkszeug verschiedener Berufe, Tiere, Fleisch. Gleiche Stände gesellen sich zueinander. Plötzlich riecht es stark nach Orangen. Eine Ladefläche voller Früchte neben der anderen. Käufertrauben darum. Berge an Stroh- und Heuballen, Felder verrosteter Metallteile, sortiert, gebündelt. Stoffe sauber gefaltet. Fischernetze, Haken, Schnüre. Trensen, Bänder, Lederstreifen.

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Märchenstunde: Lager der Räuberbande. Planen, über einfache Holzgestelle geworfen, Stand an Stand. Von jeder Ecke steigen kleine Rauchsäulen auf, weiß, grau, braun. Es riecht nach verbranntem Fleisch. Vorhof zur Hölle. Zwei Männer schaufeln etwas aus dem Hinterausgang eines Gebäudes. Ich kann nicht genau sehen was es ist, aber die unzähligen Hunde auf dem Müllerberg davor kauen genüsslich an Gedärmen. Alles voller Dreck und Schmutz, undefinierbar, morastig.

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Nichts vom Tier, das nicht verkauft würde. Auf langen schmalen Metallgrills wird in abenteuerlichsten Vorrichtungen gebraten, gekocht, gegrillt. Fleischstücke auf Spieße gesteckt, in Brocken geschnitten, im Stück. Suppen köcheln. Männer, überall nur Männer. Essend, kochend, lachend.

Der Tiermarkt, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte – natürlich: Bilder im Kopf – ist längst vorüber. Ein paar Kälber stehen noch herum, ein Esel. Die meisten Käufer sind längst dabei, die Tiere einzuladen. Selten so effektiv beladene Pick-ups gesehen. Zu guter Letzt steigen die Marktbesucher auf, menschliche Halterung gegen das Umstürzen von Tier und Ware.

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Ein kräftiger, vielleicht dreizehnjähriger Junge in brauner Dschallabah, das Ebenbild des Vaters, der oben auf dem Wagen steht und Kälber festbindet, ist dabei, einen kleinen schwarzweiß gescheckten Bullen in den Wagen zu hieven. Seine Bewegungen verraten Kenntnis im Umgang mit Tieren. Die gebräunten Wangen erhitzt, immer wieder schaut er zum Vater auf. Eigentlich scheint kein weiterer Platz auf dem Transporter. Er muss wohl doch. Mit fachmännischer Bewegung dreht der Junge den Schwanz des Bullen, als sei es Gummi, gegen den Körper des Tiers, es macht einen großen Satz und steht oben, eingekeilt zwischen den bereits Verladenen. Ein kurzer Blick, ob der Vater zugesehen hat. Hat er, doch Lob bleibt aus.

Gegen Mittag nimmt das Treiben ab. Wir fahren ans Meer.

Zaouiet Bouzarktoune. Paradiesischer Ort. Vielleicht zwanzig Häuser, verstreut an trockener Schotterpiste.

Zaouiet Bouzarktoune

 

Außer einer Handvoll europäischer Campingwagen, die oberhalb der Felsen auf einer Art Plattform stehen, keine touristische Spur. Die Dorfstraße leer, die Fensterläden geschlossen. Es weht ein leichter Wind, das Meer zieht sich gerade zurück. An der Küste ein dunkelgrüner Teppich Meerespflanzen. Kleine Schnecken hinterlassen Spuren im feuchten Sand.

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Es findet sich eine geöffnete Tür neben einer Caféterrasse an der Dorfstrasse. Ein alter Mann bietet sich an, Tee zu machen, auch Kaffee. Wir setzen uns an die grünroten Tische. Weiter unten spielt ein kleiner Junge mit einem Hund. Über uns, von einer Terrasse klingt Goa-Music. Der Alte isst mit einem jungen Mann in einer dunklen Ecke des Cafés zu Mittag während wir aufs Meer starren, Tee trinken. Friedlich hier. Bis über uns, von der Goa-Terrasse, einer über das Mittagessen der letzten Tage sinniert – auf Berlinerisch.

 

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Dorfstrasse

 

 

 

 

 

 

04.01.2015 Had Dra Der echte Souk

Had Dra. Der Ort liegt ungefähr dreißig Kilometer ins Landesinnere Richtung Marrakech. Es gibt dort sonntags einen Souk, auf dem die Bevölkerung im Umkreis von vielen Kilometern ihre Einkäufe macht. Einen großen Tiermarkt soll es geben, Gemüse, Obst, Holz, Metall, Fleisch, Stoffe, alles.

Maryem organisiert einen Taxifahrer, der uns für 300 Dihram inklusive Wartezeit hin und zurückbringt. Wir erschrecken, als er am großen Platz auf sich aufmerksam macht. Er, schwarzer Anzug, auf Hochglanz polierte Schuhe, sein Wagen nicht minder glänzend und aus der Entfernung, mit den dunklen Scheiben hinten, eher ein VIP-Transport als unser Taxi. Beim Näherkommen wirkt alles eine Nuance weniger aufregend. Trotzdem, wir wollten eigentlich nicht auffallen, bei unserer Ankunft auf dem Markt. Wir haben gehört, die Taschendiebe der Region träfen sich dort – besser als in einem solchen Auto kann man Opfer nicht servieren … Da heute aber das muslimische Neujahrsfest ist, hat der Souk geschlossen. Wir landen auf einem leeren Platz. Der Taxifahrer, ob er es gewusst hat oder nicht, fährt uns dienstbeflissen zwischen schmutzigen Mäuerchen hindurch, über einen staubigen Platz, an mit verdreckten Plastikplanen bedeckten Haufen vorbei, die mit großen Steinen beschwert worden sind, damit der Wind sie nicht davonträgt. Katzen schleichen umher. Wir kommen durch leergefegte Gassen, sehen zugenagelte Umschlagplätze von wasauchimmer, Halterungen, an denen sonst Kälber, Schafe und Kamele festgebunden zum Verkauf stehen. Streunende Hunde, die aus Pfützen trinken, Bretterbuden, Zeltgerippe, herumflatternde Plastiktüten. Hier und dort ein paar Männer, die etwas aufsammeln, einer, der einen Esel herumführt, eine verloren wirkende Herde Schafe. Mit ein wenig Fantasie bekommen wir den Souk zusammen.

Zum Trost schlägt der Taxifahrer vor, eine Arganölkooprative zu besuchen, sie liegt auf dem Weg nach Essaouira. Wir möchten aber nicht. Fragen bei unserer Ankunft, ob jetzt, da der Souk ja nicht stattgefunden hat und also die Wartezeit, die unseren Taxipreis ein wenig in die Höhe getrieben hatte, entfallen ist, der Gesamtpreis etwas günstiger würde. Der Fahrer antwortet nicht. Er lächelt nur. Öffnet uns die Türen, und lächelt.

03.01.2014 Pensées et douleurs

Das gestrige Yoga auf der Dachterrasse tat gut. Auch die währenddessen einsetzende Transpiration, der kühlende Wind. Heute bezahle ich den Preis. Zum Muskelkater gesellen sich, ich kann es nur nach und nach einordnen, Gliederschmerzen, rheumaähnliches Ziehen, jeder einzelne Knochen scheint in seinem Innersten verdreht. Fest sitzender Husten, Ohren taub, Hals rauh, Kopfschmerz, Lunge wund. Die kleinste Anstrengung, Treppe steigen beispielsweise, kostet unsagbare Kraft. Liegen schmerzt, sitzen auch. Der Schmerz strahlt. Stehen geht. Sprechen nicht. Was ist das? Ich kann doch nicht den gesamten Tag schweigend herumstehen.

Später am Tag. Ausflug in den Souk. Lange Betrachtung der Damengarderoben. Hausmäntel, Straßenkleider, Schleier, Unterkleider, Überkleider, Dschallabas. Außerdem Schleier. Es gibt einen, der kann über der Nase getragen werden oder das Gesicht bis zum Kinn frei lassen. Komplett schwarz. Wir wüssten gern, wie es sich anfühlt, darin durch die Stadt zu gehen. Uns zu verbergen. Blicke fernzuhalten. Nicht in unseren Gesichtern lesen zu lassen. Immer wieder unterhalten wir uns darüber. Wohltat beschließen wir. Provokation? Wir sind unsicher, wie es hier aufgenommen würde. Letztendlich fehlt uns der Mut.

02.01.2015 Gedanken über die Frauen

Eine Frau, die allein nach Marrakech reist, begeht vielleicht zwei, drei Fehler, bevor sie begreift, wie die Gesellschaft hier funktioniert.

Der erste Fehler wird der sein, dass sie, auf der Suche nach dem Weg, einen Mann anspricht. Das wird sie aus einem ganz einfachen Grund tun: Herumstehende Frauen, die man fragen könnte, gibt es nicht. Wenn sie großes Glück hat, bekommt sie ohne Umschweife den richtigen Weg genannt. Wenn es normal läuft, muss sie sich komplizierte Beschreibungen anhören, ein paar Dihram bezahlen (‚gib mir so viel, wie es Dir wert ist’, wird der Mann am Ende seiner Ausführungen sagen) und dann kann sie ihres Wegs ziehen. Wenn es nicht ganz so gut läuft, aber immer noch normal, wird der Mann nicht auf ihre Frage eingehen sondern mit einer Gegenfrage antworten. Möglicherweise endet das Ganze in ein, zwei Läden, in die er sie begleitet. Schlecht läuft es, wenn der Mann, wie in meinem Fall, aus der Suche nach dem Weg eine begleitete Stadtführung macht und die Hälfte des Souks davon profitieren lässt. Mein Lehrgeld hängt in Form einer ägyptischen Banknote, das man mir in einem Laden als Wechselgeld angedreht hat, an der Wand. Heute weiß ich, das wichtigste ist Zeit. Zeit, die ich mir selbst gebe, zur Beobachtung. Zeit, mir Dinge, wie das Aussehen der fremden Banknoten und Münzen einzuprägen (wer das nicht tut, begeht Fehler Nummer zwei), Wege zu merken, den Aufbau eines Marktstandes, die Melodie der Rufe einzuprägen.

Erst als ich aufhöre zu staunen, etwas tiefer sehen kann, bemerke ich: Die Männer sind in erster Linie Dekoration. Sie sitzen, stehen, rauchen, reden, lachen, diskutieren an jeder Ecke. Wer sich an einen Mann auf der Straße hält kommt nicht weit. Vielleicht sind sie so etwas wie die Maske, das Bollwerk dieser Gesellschaft.

Jetzt sehe ich Frauen. Sie sind in Bewegung, selten, dass eine im Sonnenlicht steht oder sitzt, sie halten sich im Schatten auf. Sie tragen Einkäufe, Aktentaschen, Kinder. Sie arbeiten. Sie lächeln sanft und freundlich, wenn ich sie anlächle und wenn ich nach dem Weg oder um eine andere Information bitte, bleiben sie stehen und nehmen sich Zeit, zu erklären. Keine von ihnen hat jemals die Hand aufgehalten oder um etwas gebeten. Im Moment des Begreifens gehöre ich dazu. Auch wenn ich anders gekleidet und offensichtlich andersgläubig bin. Im Hammam, auf der Straße, in Geschäften, in Cafés und im Privaten. Die Frauen geben mir die besten Stücke, das unbeschädigte Obst und Gemüse, den normalen Preis, das sauber gewebte Tuch. Von den Frauen erfahre ich die Wahrheit