Ein Schiff! Eine Majestät!

Der rettende Engel

trägt einen knallroten Overall. Er ist ölverschmiert und seine hellen Augen lächeln gütig, als ich ihm mein Problem schildere. Er beantwortet mir die wahrscheinlich dümmsten Fragen zum Thema Automobil mit der für Engel typischen Geduld und  sagt, ein Blick unter den Wagen sei trotz aller zu befolgenden Ratschläge unerlässlich. Ich besuche ihn bevor ich den nächsten Termin mache, zeige meine Internet-Fundstücke. Einer bleibt. All die anderen Angebote kommen nach Carl Ellebrandts (des Engels irdischer Name) Einschätzung nicht  in Frage. Zu viel Elektronik, Diesel (nein!!!), sieht nicht vertrauenserweckend aus, viel zu jung, zu viele Vorbesitzer …

Meine beste Freundin fährt mich hin.

Eine breite, viel befahrene Durchgangsstraße auf der anderen Elbseite, Hamburg-Harburg. Links und rechts Handels- und Handwerksbetriebe, Kunden-Parkplätze, Futtermittel für Tiere, alte, grau verstaubte Bürgerhäuser, gesichtslose Wohnbauten,  Bäume kahl und starr, zwischen bunten Spielhallen und Lieferservices für Pizzen und Burger, ein eigelber Baumarkt winkt mit Fahnen, dahinter dann eine alte, blassgesichtige Villa, ein viktorianischer Balkon blinzelt aus der brüchigen Fassade. Wir sind da.

Den Wagen finden wir auf der Rückseite der gebrechlichen Villa. Es ist nicht der V40, den wir uns ansehen wollten.  Aber er ist es. Ich sehe ihn und will ihn. Er ist grün. Dunkelgrün, das wunderschönste Grün, das man sich vorstellen kann. Keine DS, besser! Ein Schiff! Eine Majestät! Von vorn wirkt er dunkelblau-grün, die Farbe changiert wie tiefes Gewässer in wechselndem Licht. Er ist riesig, strahlt Zuverlässigkeit aus, Sicherheit, Bodenständigkeit. Irgendetwas hat er natürlich, einen Haken, ganz bestimmt – ist mir jedoch jetzt schon egal.

Ich schätze den Verkäufer auf vielleicht Mitte vierzig, er hat einen kleinen, sehr gepflegten Schnurrbart, vor ein paar Jahren war das, Reminiszenz an die 70er, kurz wieder modern, so ist es aber vermutlich nicht gemeint. Sein Lächeln liegt halbmondförmig unter dem Bart, es ist anhaltend, die Stimme sanft, lächelt mit. Er spricht Sätze mit vielen Infinitiven. Ich darf das Auto probefahren, auch in eine Werkstatt, lächelt er, jetzt sofort, kein Problem. Es gibt einen Anruf, rote Schilder werden montiert, ich lasse meinen Ausweis auf dem Tisch, eile zum Auto, öffne die Wagentür und weiß unmittelbar: Haken Nummer eins ist olfaktorischer Art: Der Vorbesitzer war Zigarrenraucher. ‚Öffnen‘, rät der Händler, ‚dann besser‘ und tippt an die Scheibe, bevor er freundlich die Fahrertür von außen schließt.

Einmal hätte ich fast geheult

Es ist ganz einfach: Ich habe abgewogen.

Die Freiheit, die mir ein Auto verspricht ist weitaus größer als die von einer Spülmaschine zu erwartende. Und zur Not können wir die Spülmaschine auch als Abstellplatz für schmutziges oder gespültes Geschirr nutzen. Ein Auto hingegen … Es gab Höhen und Tiefen bei der Entscheidungsfindung. Einmal hätte ich fast geheult. Ein Freund hatte mir ziemlich eindrucksvoll vorgerechnet, dass ich mir ein Auto, selbst ein ganz billiges, schlichtweg nicht leisten konnte. Die Reparaturen, der TÜV, die Versicherung, die Steuer … Bist du jetzt traurig? Fragte er. Ich hätte wirklich fast geheult. Ich war tieftodtraurig.

Doch ich fing mich wieder. Zu deutlich und emotionsgeladen hatte ich mir ausgemalt, wie schön es sein würde: Die Straße und ich. Diese Art des Zusammenseins mit mir selbst. In Bewegung. Langsam, in einem großen, alten, bequemen Wagen. Die Landschaft zieht vorüber und mit ihr Gedanken. Unberechenbare, freie, wilde Gedanken. Ich brauche keine Musik. Der Fahrtwind, ach, der Fahrtwind reicht! Ich möchte wieder dieses Gefühl haben.

Allerdings habe ich keine Ahnung von Autos. Mit meinem letzten, einem uralten VW Käfer hatte ich Riesenglück. Er blieb nie liegen, er fuhr immerzu, er war die reine Zuverlässigkeit auf Rädern. Ich musste nur regelmäßig Öl nachfüllen und – ja, selbstverständlich auch Benzin.

Er hatte einen Namen. Käfi. Nein, nicht sonderlich originell, es war die Phase in der mein Sohn an alles was er mochte ein i hing. Aber wir haben ihn geliebt. Wir sind mit Käfi weit nach Polen gefahren, nach Norddänemark, auf Inseln, tausende von Kilometern.  Mein Sohn ist in diesem Auto groß geworden. Es war ein Traum. Der war schlichtweg zu Ende als ich realisierte, dass die Beträge für die Ersatzteile, die Strafzettel und die Reparaturen meine Mietausgaben überstiegen. Die Vernunft riet zum Verkauf. Natürlich brauchte ich in der Stadt kein Auto. Ich bin dann über zehn Jahre ohne ausgekommen. Wenn ich doch eines brauchte, habe ich mir einen Mietwagen genommen.

Und nun, Sohn im Studium, ruft mich die alte Sehnsucht. Sie ruft so laut, dass sich die Vernunft selbst eingängigen Rechenmodellen widersetzt.

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Die Entscheidung

Es geht nicht mehr.

Ich lasse sie nicht mehr allein. Nicht, wenn sie läuft. Sie gibt furchtbare Geräusche von sich. Als würde jemand gepfählt, sagte neulich ein Freund zu mir, vorwurfsvoll und ärgerlich, weil wir uns bei dem Lärm unterhalten mussten. Sie lief ja gerade, ich konnte nicht einfach weggehen. Ich weiß, sagte ich, sie ist inzwischen nicht nur alt, sondern auch eine Zumutung. Ich warte tagtäglich darauf, dass sich die Nachbarschaft beschwert. Der Geruch ist zudem widerlich, nach heiß gekochten Plastikteilen

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würde ich sagen. Auf gar keinen Fall normal. Es kommt direkt aus ihren Eingeweiden und wenn ich ehrlich bin, ich fürchte ständig Feuer. Doch ich bin gut im Verdrängen und hoffe weiterhin, sie schafft es noch eine Weile. Ich behalte sie im Auge. Aber meine Entscheidung steht fest. Sie wird nicht so schnell die sicherlich lang verdiente Ruhe finden. Es sei denn, sie bricht zusammen.

Ich werde mir ein altes Auto kaufen und keine neue Spülmaschine.

Die Bücher meines Lebens

Ende letzten Jahres durfte ich im Flow Magazin fünf der für mich persönlich wichtigsten Bücher nennen. Wer mich kennt weiß, dass ich mich bei diesem Thema schwer beschränken kann. Und wer genau gelesen hat, konnte bemerken, dass ich (ein ganz klein wenig) geschummelt habe (bei der Anzahl.)

 

Vielen Dank, Arne Lesmann, für die schönen Fotos!

Hier kommt Elterntrost

Allen Eltern mit pubertierenden, elektronisch vernabelten und vernebelten Kindern zum Trost: Eure Kinder werden das virtuelle Leben hinter sich lassen. Sie kommen zurück. Verändert wahrscheinlich. Man denke an Raupen und Schmetterlinge. Es ist lediglich eine Frage der Zeit.

Heute, ein Gespräch unter drei knapp über Zwanzigjährigen.

Es ist Samstagnachmittag. B. und H., Schulfreunde meines Sohnes, sind bei ihm, bei uns, zu Besuch.  B studiert Maschinenbau, H. BWL. Alle drei sind übers Wochenende nach Hamburg heimgekehrt, Wäsche waschen, mal was Anständiges essen, Freunde sehen. Sie sitzen am Küchentisch, eingehüllt in Yogi-Tee-Nebel, ein  buntes Anatomieposter liegt zwischen ihnen ausgebreitet. Seit Studienbeginn ist mein Sohn im Lernmodus. Ich bin fasziniert, wie akkurat er Modelle und Formeln abzeichnet und beschriftet und dadurch offenbar behält. ‚Gestern hats mir richtig Spaß gemacht,’ höre ich ihn sagen. Er meint die Lernerei. ‚S’ist gerade total spannend! Ich kapiere wie wir funktionieren! Das ist echt total genial, wie wir konstruiert sind! Hier … ’ Die beiden anderen beugen sich, während ich mich noch über seine Worte freue, mit meinem Sohn über das Poster. Längst hatte ich mir Sorgen gemacht, wie lange er das sinnentleerte Chemie-und Physik-Auswendiglernen noch durchhalten würde.

Sie sitzen da also zu dritt und mein Sohn erklärt seinen Freunden anhand lateinischer Namen und Ausdrücke Knochen und Bezeichnungen und Bewegungsabläufe. Und wie vieles völlig anders konstruiert ist, als man eigentlich dachte! ‚Das ist total ausgeklügelt‘, sagt mein Sohn und da ist eine Begeisterung in seiner Stimme, die ich lange nicht mehr wahrgenommen habe. Er erklärt, man kann es wunderbar auf dem Poster sehen, dass sich Elle und Speiche bei Drehung des Unterarms umeinander drehen. Sie drehen selbst ihre inzwischen behaarten Unterarme, schauen, fühlen, staunen. ‚Ich hätte das anders konstruiert,’ höre ich plötzlich B. sagen, ‚aus maschinenbautechnischer Sicht ist diese Drehung nicht unbedingt ein Vorteil. Denk mal ans Bankdrücken, du hättest doch eine viel größere Kraft, wenn diese Drehung nicht stattfände … also, ich hätte es so konstruiert … er nimmt Zettel und Stift und beginnt mit einer Konstruktionszeichnung.  Große Diskussion. Korrekturen, Formeln. Für und wider. Es wird etwas lauter.

Ich gehe leise raus und freue mich. Wie großartig, dass sie nicht mehr in Gruppen mit ihren Handys im Zimmer herumsitzen und ich das Gefühl haben muss, etwas sei grundlegend falsch gelaufen. Dass sie jetzt denken, sie könnten es besser machen  als Gott, nun ja, auch diese Phase wird sicherlich vorübergehen. Nur, sie gefällt mir weitaus besser …

Le Château et moi

 

Als wäre es Gesetz,

dass die schönsten Momente im Leben immer zu kurz geraten. Mein Schreibaufenthalt in Justiniac war es eindeutig.Foto am 12.07.16 um 19.50

Ich hatte es mir so gewünscht, und plötzlich war ich eine der glücklichen Stipendiatinnen. Große Vorfreude. 4 Wochen ungestörte Schreibzeit in einem Schloss! Es ist Sommer, ich weiß es ja, habe nur, nach mehr als zwei Jahrzehnten Hamburg-Leben vergessen, dass Sommer auch Wärme bedeuten, und es durchaus ratsam sein kann, bei einem Flug in den Süden an entsprechende Kleidung für den Reisetag zu denken. Bei gefühlten 12°C Abflug-Temperatur ein abwegiger Gedanke. Zwei Stunden später: Bushaltestelle Toulouse-Blagnac, praller Sonne ausgesetzt, geschätzte 30°C, erkenne ich den schweißtreibenden Fehler. Mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug nach Saverdun, meinen schweren, büchervollen, unhandlichen Koffer hinter mir herzerrend, einen prallen Rucksack am Rücken klebend, kommen Nora Gantenbrink, die zweite Glückliche, und ich früh nachmittags am kleinen Bahnhof in Saverdun an.

Die Schlossverwalterin  holt uns mit dem Wagen ab. Vom ersten Hügel aus sehen wir die Pyrenäen. Meine stündlich sich ändernde Aussichtskulisse für die nächsten vier Wochen. Vorerst tauchen sie auf und versinken, es ist recht hügelig in der Ariège.

Hinter der Katze: Die Pyrenäen
Hinter der Katze: Die Pyrenäen

‚Hier gibt es das beste Baguette, dort die schmackhaftesten Croissants, der Supermarkt, der neue, befindet sich in jener Richtung, der Honigbauer ist durch Schilder am Wegrand nicht zu übersehen’, Nina zeigt im Vorüberfahren die Abfahrt zum exzellenten Ziegenkäse, hergestellt, wie uns Serge, der Schlossbesitzer, einige Tage später verrät, von einer alten Hippiefrau, die man, mit etwas Glück, barbusig beim Melken antreffen kann. Überhaupt Serge, wenn Serge zu erzählen beginnt … man kann nur jedem wünschen, ihn im Schloss anzutreffen.

Und dann das Schloss. Ein rundes Holztor in der roten Backsteinmauer, wirkt es auf mich von außen erst einmal wie ein riesiger alter Bauernhof. Eine kleine, blass-graue Kapelle klebt an seiner Schulter. Erst wer den Blick ein wenig hebt, sieht die Spitzen der beiden Schlosstürme über dem Dach der Einfassungsmauer.

Dann stehen wir im Innenhof, in dem es summt und zirpt und blüht und duftet, und ich bin überwältigt von einem Gefühl: Angekommen zu sein. Es ist, als würde das Haus seine Arme öffnen und dieses Gefühl soll sich in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen verstärken. Beim Betreten der ‚Suite’, die ich in den kommenden vier Wochen bewohnen darf, beim Blick von meinem Schreibtisch in die sagenhafte Natur, beim Gesang des Vogels, der mich morgens mit immer neuen Melodien weckt, auf der Terrasse, beim nächtlichen Liegen auf dem noch von der Tagessonne warmen alten Stein, beim Blick in den Sternenhimmel, beim Essen mit den anderen, die kommen und gehen und Geschichten mitbringen, sich mit mir austauschen, aber auch meinen Rückzug respektieren.

Diner royal.
Diner royal.

Ich habe Riesenglück gehabt, in der Suite wohnen zu dürfen. Zu den großen Räumen gehört ein eigenes Badezimmer und eine kleine Küchennische, in der ich mir morgens Tee zubereiten und abends gekühlten Wein aus dem Kühlschrank holen kann. Außerdem sind meine Räume frei von Katzenhaaren (für mich als Allergikerin ein Segen), die oberen Räume sind es nicht.IMG_3254

Ich finde schnell einen Rhythmus. Die Zeit tickt hier langsamer. Es gibt einen Feldweg, direkt gegenüber vom Schloss, den ich täglich gehe, sicherlich auch eine gute Joggingstrecke, ich glaube Nora rennt hier morgens entlang.

Mein Spazierweg.
Mein Spazierweg.

Vor der Tür steht ein Auto, das wir jederzeit (in Absprache miteinander) für eine kleine Kilometerpauschale nutzen können. Nora und ich fahren häufig gemeinsam (zum Supermarkt, Weinkaufen, auf den ein oder anderen Flohmarkt), das ist netter und ökonomischer. Nach zweimaligem Fahren kenne ich den Weg nach Saverdun, nach Pamiers und Mirepoix, wo man Samstags auf dem Markt wunderbar einkaufen kann. Ja, und ich schreibe. Ich schreibe, wo ich möchte. Am liebsten bei offenem Fenster an meinem Schreibtisch, mit Blick auf die Berge, aber auch auf der Terrasse und im Salon, dort habe ich WLAN-Empfang. Ich schreibe auf den Treppen, im Garten, im Bett, immer die Pyrenäen im Blick, immer anders. Und leider ist, als gerade alles so richtig in Bewegung kommt, die Figuren atmen und die Handlung farbig wird, meine Zeit um. Das ist schade.

Tröstlicher Gedanke: Wenn es jetzt Gesetz wird, dass meine Träume in Erfüllung gehen, ist annehmbar, dass die KB in Zukunft länger gefasste Schreibstipendien in Justiniac ausschreibt.

Ich muss nicht in den Knast!

Ich wusste, dass an diesem Tag die Entscheidung fällt.

Trotzdem bin ich vor Freude schier in Ohnmacht gefallen, als mein Telefon klingelte und ein Herr von der Kulturbehörde anrief. Vielleicht weil ich, gefühlte tausend Jahre nach meiner Schulzeit, diesen Nachklassenarbeitenerstmalschlechtfühlen-Mechanismus  nicht ausschalten kann. Immer noch nicht. Wahrscheinlich niemals.

In der Schule war ich eine von diesen bescheuerten Angsthäsinnen, Feindinnen sagten (allerdings nur in Bezug auf Deutsch und Französisch):Tiefstaplerinnen, eine von denen, die nach Klassenarbeiten betroffen dreinschaute und wenn überhaupt etwas, dann nur ’schlechtes Gefühl‘ oder ‚war nicht gut‘ murmelte. Und das ganz leise. Ja, so war das. Vier Stunden Klausur geschrieben und dann stehen alle rum, rauchen, quatschen, zweifeln, die eine oder andere prahlt vielleicht und ich denke: versiebt. Nein. Ich fühle es. Bis zur Rückgabe verdränge ich, dass ich an der Klausur teilgenommen habe. Und dann ist die Freude, dass ich nicht versagt habe so unermesslich groß, dass ich vor Glück heule. Es fühlt sich ein bisschen so an wie damals. Nur um ein vielfaches besser: Ich wohne im Château Justiniac, vier Wochen lang! Vier Wochen schreiben, ohne Alltag.

Ich hatte der Kulturbehörde in meiner Bewerbung geschrieben, dass ich Ruhe brauche, dass ich schreiben möchte, dass ich mir Gedanken gemacht habe und mich die Idee ereilt habe, ich könne Schwarzfahren und mich dabei erwischen lassen, die Strafe nicht bezahlen, beides mehrfach und dann endlich Ruhe finden, im Knast. Meine Mutter sagte, ganz schön gewagt, sich so zu bewerben, mit der Androhung einer Straftat … Ich musste sehr lachen, meine Mutter verpasst lieber die Bahn, als schwarz zu fahren.  Aber es hat geklappt! Ich muss nicht in den Knast! Ich darf aufs Schloss!!! Meinen größten Dank an die Hamburger Kulturbehörde! Und allen voran: Dr. Wolfgang Schömel, der mir die frohe Botschaft überbrachte.

Eigentlich müssten wir tanzen

Heinz Helle

Eigentlich müssten wir tanzen

Ein kurzes Buch über das Ende. Das Ende der Welt vielleicht, das Ende von Anstand und Moral auf jeden Fall, das Ende der Menschlichkeit auch. Jedes Kapitel eine Momentaufnahme in einem Schreckenszenario dessen Ursache ich bis zum Ende nicht erfahre. Obwohl ich immer gern alles wissen möchte, diese Lücke tat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch. eigentlich_muessten_wir_tanzen

15/01/16 Kofferraum oder Gartenzaun?

Letzten Samstag. Ich kaufe ein. Im Supermarkt lümmelt im Kassenbereich ein etwa siebenjähriger blond gelockter Knabe neben der Mutter herum und singt ‚O Tannenbaum usw., die Oma hängt am Gartenzaun …’. Er sing es wieder und wieder, immer diese beiden Zeilen, praktisch hängen geblieben, man kennt das von Melodien, Texten, die sich in die Tages-CD-gebrannt haben. Der Junge grinst dauerhaft den Kassierer an, der freundlich schaut, aber nichts sagt, womöglich hört er gar nicht zu. Die Mutter, so in meinem Alter, räumt ihre Einkäufe in die mitgebrachten Taschen, sie lächelt stolz ihrem kleinen Bengel zu. Ha, singen kann das Kind … Ob sie den Text gut findet? Ob sie ihn überhaupt hört?
Vor dem Zeitschriftenregal kniet ein anderer, etwa gleichaltriger Junge, der korrigierend: ‚sitzt im Kofferraum,’ dazwischensingt und unsicher in die Warteschlangengesichter über sich schaut. Scheint zu spüren, dass da etwas an seinem Gesang nicht ganz korrekt ist, das Kind. Der Vater blättert abwesend in einer Zeitschrift. Ich schaue den Jungen an. Lächeln gibts nicht. Ich möchte ihn verunsichern, es könnte ihn zum Denken anregen. Dieses ‚Odaskindsingt‘-Gegrinse der Umstehenden provoziert meinen Wunsch nach Fremderziehung im Schnellverfahren. Beim Bezahlen kommt mir die Frage: Bin ich intolerant? Womöglich zu alt für diese Art Humor?
Ich erinnere mich auf dem Nachhauseweg dunkel an eine im Hühnerstall motorradfahrende Rentnerin aus meiner Kindheit, über die wir damals gesungen haben, doch die war eine moderne Frau und das war, trotz Amusement, ziemlich abgefahren. Die Hühnerstall-Oma wurde nicht diffamiert, sie war cool. Über Omas, die an Gartenzäunen hängen oder in Kofferräumen sitzen zu singen, finde ich irgendwie respektlos und verachtend. Der Schritt von der einen zur anderen scheint auf den ersten Blick klein, ist aber immens. Es ist die innere Haltung, das Gefühl, die Menschlichkeit.
Um schnell nach Hause zu kommen, gehe ich an unbeampelter Stelle über die Straße. In sicherer Entfernung ein PKW. Der PKW-Fahrer handelt überraschend. Anstatt die Geschwindigkeit beizubehalten oder zu drosseln (ich würde diesen Gedankengang annehmen: Mensch = langsam fahren), beschleunigt er so, dass ich rennen muss. Platz da, meine Straße! Das Auto als Waffe. Ich muss rennen, um sicher auf die andere Straßenseite zu gelangen! Und noch während ich renne verstehe ich: Es ist folgerichtig, dass kleine Kinder Omas im Kofferraum oder am Gartenzaun entsorgen, wenn Erwachsene Menschen zu überfahren drohen, die an falscher Stelle die Straße überqueren.
Ich glaube nicht, dass früher alles besser war (auch die Lied-Texte nicht unbedingt). Menschen sind Menschen. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, Achtung zu haben und damit zu lehren, Achtung vor dem Menschen. Immer und überall.
Und einen Wunsch habe ich: Helft mir, wenn ich überm Gartenzaun hänge – oder im Kofferraum sitzen muss. Bitte.

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Der Distelfink

Donna Tartt

Der Distelfink

Erst mal: Was für ein Buch, schon äußerlich! Ziegelsteindick und fast ebenso schwer. Ich habe gehört, den ein oder anderen soll schon die Seitenzahl abgeschreckt haben. Muss es nicht.

Ich habe dieses Buch geliebt von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist voller menschlicher, sympathischer, unsympathischer, dreister, liebevoller, abstoßender, herzerweichender, unberechenbarer Charaktere, mit denen ich gern viel mehr Zeit verbracht hätte. Vielleicht auch, weil Tartt eine der wenigen Autor(inn)en ist, die sich darauf versteht (für den Verlauf des Romans) durchaus unwichtige Beschreibungen von (durchaus unwichtigen) Details so wunderbar zu formulieren, dass ich mehr sah, mehr roch, mehr fühlte, als üblicherweise beim Lesen und darum steckte ich ganz tief drin, ging mit, wunderte mich und war nach 1024 Seiten zutiefst enttäuscht, dass das Buch schon zu Ende war.cover225x225

13/01/16 Über Bücher / oder / Als ich Nietzsche dann doch mit nach Hause nahm

Ich hätte sie alle haben können, damals. Korrigiere: fast alle.

So oft es ging, begleitete ich meinen Vater zu seinem Lieblingsbuchhändler, dessen Laden in der hintersten Ecke einer Einkaufspassage lag. Während die beiden sich unterhielten, diskutierten oder in die Haare bekamen, meist genau in dieser Reihenfolge, suchte ich mir in dem verschachtelten Laden Bücher aus, durch deren Kauf mein Vater seinem Buchhändlerfreund später Versöhnung signalisierte. Es war eine Art Spiel, das einer von beiden immer wieder übertrieb. Bisweilen kaufte mein Vater nichts, weil wir vorzeitig den Laden verließen oder verlassen mussten. Dann gingen wir eine Weile zu einem anderen Buchhändler, der weniger streitsüchtig war. Bei ihm fiel meine Ausbeute geringer aus.
Einen Großteil der Bücher, die ich in meiner Teenagerzeit las, verdanke ich tatsächlich dem kleinen, stets zum Debattieren aufgelegten Buchhändler, der im Winter eine überdimensionale, zottelige Schaffellweste trug, die seiner meckernd hohen Stimme einen Körper zu geben schien. Während mein Vater und er sich also ausgiebig stritten, verlor ich mich an Hermann Hesse. An Rilke. An Thomas Mann. Stefan Zweig. Umberto Eco, Michael Ende, Patrick Suesskind, Max Frisch, Dürrenmatt, Wolfgang Borchert, Robert Walser, ich wollte sie alle. Die meisten nahm ich mit nach Hause.
Zu den Geburtstagen wünschte ich mir neue Regale. Ich überlegte, mein Bett auf Bücher zu bauen. Einzig die Tatsache, dass das Herankommen durch diese Art der Aufbewahrung schwierig geworden wäre, hielt mich davon ab. Ich stapelte sie dafür an den Wänden, eine gefährliche Innenverkleidung, die häufig einstürzte, deren Anblick mich aber glücklich machte.
Einen gab es allerdings, den bekam ich nicht.
Friedrich Nietzsche. Und mal gleich vorweg: Ich bekam ihn nicht, nahm ihn aber trotzdem eines Tages mit nach Hause. Er sei für eine Vierzehnjährige nicht geeignet, sagten mein Vater und sein zänkischer Buchhändler in seltenem Einvernehmen. Kaum einer meiner Freunde verstand die Anziehungskraft, die Nietzsche nun plötzlich auf mich ausübte, er sei einfacher zu bekommen als Dope. Darum ging es natürlich nicht. Ich fühlte mich falsch eingeschätzt, unterschätzt. Diese beiden Männer hatten entschieden, ich sei zu (sie sagten:) jung, (aber sie meinten: wenig vorgebildet), um Nietzsche zu verstehen. Ich fühlte mich diskriminiert. Ich begann mit beiden zu streiten. Das war unklug. Wir stritten aneinander vorbei. Mir ging es ums Prinzip, den beiden um Inhalt und Vorgehen. Ich wollte eine Chance zu verstehen, sie sagten, ich könne nicht verstehen ohne zu wissen. Ich wollte die Lizenz zum Alleslesen, sie wollten mir eine Einführung in die Philosophie andrehen. Im Nachhinein ganz sicher eine ausgezeichnete Idee. Mit ein wenig mehr Einfühlungsvermögen der beiden wäre sie vielleicht auch mit mir nach Hause gekommen. So aber stand da eine um Emanzipation ringende, dickköpfige, adoleszente Vierzehnjährige und ärgerte sich maßlos über zwei Männer, die ihr etwas vorenthalten wollten. Es wurde kein Diebstahl, ich kaufte das Buch bei der friedliebenden Konkurrenz. Es war ein dtv Taschenbuch, glaube ich. Also sprach Zarathustra. Das Cover silberfarben, ein wild dreinschauender Nietzsche mit walrossartigem Oberlippenbart blickte mich an. Meine Erwartungen waren groß. Ich las ihn von vorne bis hinten und gebe zu, ich verstand nichts, jedenfalls nichts Gutes, nichts, das Anwendung auf mein Leben gefunden hätte. Ich ärgerte mich maßlos über den Ton, ich hätte auch die Bibel in die Hand nehmen können, ‚Wahrlich, ich sage euch…’ und dann diese sich widersprechenden, für eine Vierzehnjährige in der Tat nicht nachvollziehbaren Behauptungen und Ratschläge.
Friedrich wurde nicht zur großen Liebe, auch später nicht. Vielleicht hätte es anders kommen können, wenn es richtig gelaufen wäre. Hättehätte, genau … und noch ist nicht aller Bücherregale Ende. In der Zwischenzeit habe ich mich mehr der Belletristik denn der Philosophie oder Lyrik zugewandt. Und was soll ich sagen? Es ist wie im richtigen Leben: Hier verknalle ich mich Hals über Kopf und am Ende fällt es mir schwer hinzunehmen, dass es vorbei ist, dort entsteht langsam eine tiefe Liebe, die für immer bleibt. Es gibt auch große Abneigung, manche finde ich so lala, andere langweilig, für mich unbedeutend – und dann gibt es durchaus Bücher, Autoren, mit denen ich nicht warm werde, obwohl ich es immer und immer wieder versuche.
Ich werde sie niemals alle haben geschweige denn lesen können. In dieser Gewissheit und vergleichbar mit der Maxime nichts zu essen, was ich nicht wirklich mag, passiert es hin und wieder, dass ich ein Buch, auch wenn mir ein Großteil gefallen hat, nicht zu Ende lese. So jüngst passiert bei Clemens Setz’ Indigo. Nach zwei Dritteln (sehr gut geschrieben, eingängige Charaktere, hoch interessantes Setting, schöne Beklemmung,) hatte ich das Gefühl, der Plot dümpelt, es gab keine Entwicklung, noch nicht einmal Hoffnung auf Entwicklung, möglicherweise war das Teil des Plots und das sich einstellende Gefühl Absicht des Autors. Muss man aushalten können als Leser. Konnte ich nicht. Außerdem grätschte Feridun Zaimoglus ‚Isabel’ beim Anlesen dazwischen. Das wiederum war Liebe nach der ersten und bis zur letzten Zeile. Und dann warteten da noch viele, viele andere …
Nun werde ich tatsächlich häufig gefragt, was ich gerade lese oder gelesen habe und ob ich ein spezielles Buch empfehlen kann. Letzteres tue ich nur für drei Menschen, die ich wirklich gut kenne. Ebenso wenig mache ich hier Inhaltsangaben, die kann man wunderbar auf Amazon oder Verlagsseiten lesen. Ich schreibe hier  über meine persönlichen Lese-Erlebnisse.

Im Zug, im Zug

Im Zug

Dass Zugreisende ihre Wut im Umfeld der Bahn abbauen ist nichts Neues. Dass ich inzwischen jedes Mal unmittelbar betroffen bin, macht mich stutzig und lässt ahnen, dass dieser Ort das Zeug hat, Kampfplatz der Nation zu werden. Ich hätte einen neuen Kampagnenansatz: Frustration im Alltag? Machen Sie eine Bahnfahrt!
Die ist zwar längst nicht mehr lustig und weit entfernt von schön, hilft aber aufgestaute Aggressionen abzubauen. Da die Züge mittlerweile planmäßiger unterwegs sind, Heizungsausfall oder Überhitzung eher selten vorkommen und auch das Personal geschult mit Wutbürgern umzugehen weiß, attackieren Reisende nun Mitreisende.

Auf keiner meiner letzten Bahnfahrten bin ich nicht angeblafft, beschimpft oder aggressiv angegangen worden. Heute, ich sitze noch gar nicht, bereits drei Mal. Erstens, weil mein Koffer gegen den Sitz einer älteren Dame gestoßen ist, die die Augen kurz zuvor geschlossen hatte. Ob das unbedingt nötig sei, ob ich nicht aufpassen könne, wie rücksichtslos, es sei doch offensichtlich, dass sie schlafe! Etwas eingeschüchtert stand ich kurz darauf vor meinem Platz und überlegte, wie ich den schweren Koffer aus dem Weg schaffen konnte, ohne mir dabei den nächsten Rüffel und womöglich einen Bandscheibenvorfall einzuhandeln.

Ich sah einen breiten, kräftigen Männerrücken vor mir, fasste Mut und tippte ihm vorsichtig auf die Schulter: Ob er vielleicht so freundlich sein könne, mir den Koffer in die Ablage zu heben? Ihm gegenüber saß eine Frau, die ihn gefährlich fixierte, er drehte sich noch nicht einmal zu mir um, vermutlich hatte ihr furchtbarer Blick ihn an den Sitz genagelt. Ein Wunder, dass er noch atmete. Ohne ihn aus den Augen zu lassen antwortete sie, ich solle den Koffer gefälligst alleine hochheben und ihren Sohn in Ruhe lassen, er könne keine schweren Gepäckstücke fremder Leute hochheben, er habe einen kaputten Rücken! Hu! Ich fürchtete mich wirklich. Glücklicherweise war ich nicht allein im Abteil. Alle glotzten. Auch andere breitschultrige starke Männer. Eine zarte junge Frau mit Nickelbrille jedoch stand kopfschüttelnd auf und griff mit Blick auf die Medusenmutter beherzt nach dem mit Büchern vollgestopften Rimowa, der sich aber keinen Millimeter bewegen wollte. Gemeinsam, mit Hilfe einer älteren Dame, die voller Mitleid meinen Arm streichelte, bevor sie einen Griff anpackte, landete der Koffer dann eine ganze Weile später oben im Gepäckfach. Danke, danke, danke! Dann saß ich.

Allerdings nur kurze Zeit. Ich spürte, wie jemand hinter mir am Sitz zog. ‚Ihr Koffer liegt nicht gerade in der Ablage!‘ – Ich drehte mich um. Die Frau war ungefähr in meinem Alter. ‚Da liegt noch irgendwas dahinter. Ich habe keine Lust, ihn bei der nächsten Bremsung auf den Kopf zu bekommen! Machen sie das doch mal richtig! Das ist ja lebensgefährlich‘ Sie hatte Recht, meine Yogamatte klemmte dort zwischen Gepäck und Wand und der Koffer stand ein wenig über. Ich bin der Meinung, sie hätte es, nach all den Attacken auf mich, denen sie beiwohnen durfte, eine Spur freundlicher sagen können.
Aber auch das ein Klassiker: Wird einer getreten, treten andere nach (die schlichten, die ohne Zivilisations-Empathie-Gen), nur, weil es im Rudel einfach noch mehr Spaß macht. Etwas sensibler ausgestattet, hätte ich die Bahnfahrt heulend begonnen.

Die Schweiz -Eine Wiederbegegnung nach vielen, vielen Jahren (zwanzig vielleicht)

(es handelt sich hier um einen alten Text, den ich aus der ‚Schublade‘ gezogen habe, wegen der Verbotsschild-Parallele zu London )

Herzlich Willkommen!

Als ich klein war fuhren wir manchmal in die Schweiz. Die Schweiz war toll. Alles war sauber. Richtig sauber. Und die Schweizer standen schon immer für Fortschritt und Weitsicht: Damals war in Deutschland noch keinem in den Sinn gekommen, dass es eines Tages den grünen Punkt geben würde, die Schweizer aber hatten vor ihren Supermarkteingängen bereits große Ständer stehen, in die sollte man die leeren und bitteschön ausgespülten Joghurtgläser hineinstellen. Pappkartons wurden von Plastik getrennt, Blech von Glas und an Bahnübergängen standen Schilder, die höflich darum baten, den Motor abzustellen.

Auf den Bergen, sehr hoch und sehr spitz, lag sommers wie winters der blütenweiße Schnee. Unten im Tal rauschten klare Gebirgsbäche in Türkisblau, Schneeweiß und Blaugrün und die Luft war so rein, dass man sie nicht nur einfach ein- und ausatmen durfte sondern sie förmlich inhalieren musste, sagten die Eltern.

Eigentlich muss ich es gar nicht erwähnen, dieses Produkt, auf dessen Herstellung in seiner höchsten Vollendung sich nur die Eidgenossen – und wirklich nur diese – verstehen. Es gibt kein Land auf dieser Welt, in das man reist, nur um dessen Schokolade zu essen – außer der Schweiz. Das ist die Schweizer Schokolade: unübertroffen und sie im Detail zu beschreiben macht mich ganz verrückt. Man kann süchtig werden nach dem Zeug, vor allem dem mit den Honigkrokant-Stückchen in Weiß drin. Mindestens genauso gut waren allerdings die weißen Negerküsse* mit dem dicken weißen Schokoladeüberzug, der knackte, wenn man hineinbiss, kurz bevor man auf die zäh-klebrige weiße Füllung stieß, die so großartig zwischen den Zähnen hängen blieb und nichts war außer Luft und Süße. Aber all das wurde noch übertroffen von Ovomaltine. Diesem leicht malzig-salzig schmeckenden Schokoladenpulver, das sich bei der Verbindung mit Speichel in einen dickflüssigen Brei mit Kakaogeschmack verwandelte …

Unsere Eltern liebten längerlebige Güter, zum Beispiel Schuhe der Firma Bally. Wir fuhren, auch weil das mit drei Kindern letztendlich lohnte, direkt zur Schuhfabrik und kauften für jeden einige Paar, die an Ort und Stelle erst einmal straßauf und straßab getragen werden mussten, damit die Ledersohle ein paar Macken bekam, um die Zollbeamten zu täuschen. Neue Schuhe mussten verzollt werden. Das war nämlich das nächste aufregende an der Schweiz: der Zoll. Würden uns die Beamten mit den grünen Umhängen, die ihnen das Aussehen von Schafhirten verliehen, anhalten und filzen?  Ja oder nein. Wir lernten im Laufe der Zeit unsere Prognosen ziemlich treffsicher abzugeben. Es waren die Gesichter, die die Kerle machten, sie inspirierten uns ungemein, meistens hatten wir aber wohl auch nur Glück oder die Kerle hatten einfach nette Gesichter und wir Kinder schauten dann schadenfroh auf die raus gewunkenen Wagen, von denen unsere Eltern sagten, das seien echte Banditen, das würde man sehen … wir doch nicht!

Kaffee war auch mitnehmenswert. Der roch gut und wir freuten uns, wenn wir ein Paket zu viel im Auto hatten, weil das die Aufregung am Zoll erheblich steigerte. Natürlich sind meine Eltern ehrbare Leute und von Schmuggeln kann nicht die Rede sein, aber kleine Abenteuer waren das schon, unsere Grenzüberfahrten.

Nun ist es lange her, dass ich in diesem Land war. Bestimmt fünfzehn, zwanzig Jahre. Ich bin erwachsen geworden und gespannt, was sich zu den in erster Linie kulinarischen Erinnerungen aus meiner Kindheit an neuen Eindrücken gesellen wird. Natürlich vergleiche ich auch. Die Schweiz ist immer noch sehr sauber. Zürich ist hübsch anzusehen. Sogar die Mülleimer sind hübsch. Und die Menschen sind freundlich, sehr freundlich, ernsthaft freundlich, sie nehmen sich Zeit, einen zu begrüßen, einen dabei anzusehen, sie sind zuvorkommend, gastfreundlich und gut gelaunt, auch wenn der Züricher See mehrere Tage von Nebel verhangen ist und sich nicht zeigen mag, sie lächeln und es ist ein gutes Lächeln.

Die Schweizer sind ordentlich. Man sieht es an ihren Straßen und ihrem Parkverhalten. Sie parken in Reih und Glied und immer innerhalb der weißen Streifen und halten sich an vorgegebene Parkzeiten. Das Parkplatz – System ist teilweise sogar so ausgeklügelt, dass man gar kein Billet mehr lösen muss sondern nur noch seine Parkplatz-Nummer in einen Automaten eingibt, Fränkli einwirft und gut ist es.Der vorbeischauende Ordnungshüter, sowie jeder andere Passant – man selbst natürlich auch – kann mit einem Knopfdruck sehen, ob die Parkzeit noch läuft oder ob sie schon überfällig ist.

Hier in meiner Straße in Hamburg würde mindestens ein Drittel so tun, als ob die Uhr nicht existent wäre, das zweite Drittel würde einfach nicht bezahlen (alles Hausbesetzer, würde mein Vater sagen!), das dritte Drittel eventuell, meine Hand dafür ins Feuer legen würde ich aber nicht.

In der Schweiz gibt es eine Armee an Ordnungshütern und deshalb gibt es keine Drittel sondern nur ein Ganzes und das hält sich daran. Woran? An alles. Und wer auf einen solchen Ordnungshüter trifft, der merkt recht bald, dass der Schweizer mit all seiner Freundlichkeit und all seiner Gastfreundschaft ein unerbittlicher Mensch ist, was das Beachten der Gesetze angeht. So stehe ich eines Mittags in einer Parkzone über der ein Schild hängt, ich dürfe als Anwohner parken und als Nicht-Anwohner mit Parkkarte (meint: Parkscheibe). Die stelle ich, der Wahrheit entsprechend, auf zwölf Uhr mittags. Drei Stunden später hängt ein kleiner weißer Zettel unter meiner Windschutzscheibe und in einiger Entfernung, die Straße aufwärts sehe ich einen Ordnungshüter dicht an den sauber geparkten Autos entlang gehen. Meine Großtante, der ich gerade einen Besuch abstatte, selbst inzwischen Schweizer Staatsbürgerin, kann sich den weißen Zettel, der sich bei näherem Hinsehen als Strafzettel erweist, nicht wirklich erklären und empfiehlt mir, den Ordnungshüter anzusprechen. Also eile ich ihm hinterher und lasse ihn wissen, dass dies doch ein Mietwagen und ich mit den Parkgepflogenheiten in diesem Land noch nicht so vertraut sei und außerdem meine Großtante, die ja nun auch Schweizerin sei, mir gesagt hätte, ich dürfe mit Parkscheibe … und was denn nun dieser Strafzettel … Der Herr ist nett und ich erhoffe mir bei seinem verständnisvollen Lächeln eine Rücknahme dieses vierzig Franken teuren Blättchens, er hört auch nicht auf zu lächeln, als er mir erklärt, es sei meine Pflicht auf der Parkscheiben-Rückseite zu lesen, dass ich, wenn ich vor dreizehn Uhr einparken würde nur drei Stunden stehen dürfe, nach sechzehn Uhr allerdings dann bis zum nächsten Morgen. Ich hätte aber eindeutigerweise schon um zwölf Uhr mit dem Parken begonnen und dem zufolge wäre eine Strafe fällig … Ich sei aber doch nur zu Besuch, und auf meiner Parkscheibe würde hinten drauf überhaupt nichts stehen! Mein Ton wird flehentlich, ich frage mich schon fast ob Tränen ihn vielleicht erweichen könnten. Wer in ein anderes Land führe müsse sich mit der Straßenverkehrsordnung und den Parkmodalitäten dort vertraut machen und ansonsten das Auto-Fahren sein lassen. Der Ordnungshüter lächelt immer noch. ‚Tut mir leid für Sie.’ Sagt er und hält mir eine Parkscheibe hin. Ich vergesse die Tränen und schlucke. ‚Hier, die schenke ich Ihnen.’ Fast bin ich gerührt. Er dreht die Parkscheibe um und zeigt mit seinem sauber manikürten Finger auf die weiße Schrift auf blauem Grund. ’Hier steht’s für Sie nochmal zum Nachlesen. Gueti Zait.’ Und lässt mich stehen, mit meiner neuen Parkscheibe in der Hand.

‚Das zahlst du nicht!’, Sagt meine Großtante, ‚das ist doch eine Unverschämtheit, wie soll man denn auf so etwas kommen. Also auf der Rückseite der Parkscheibe, so ein Unfug!’ Ich finde, dass meine halb-echte Schweizer Großtante durchaus recht hat und werfe den Strafzettel, den der Ordnungshüter sorgfältig ausgefüllt hat, in den nächsten Papierkorb. Ich muss allerdings dazu sagen, dass eine echt schweizer Großtante mit Sicherheit aufs Bezahlen bestanden hätte!

Am vorletzten Tag meines Zürich-Besuchs lichtet sich sogar der Nebel und ich kann den See sehen, den wunderschönen Zürich-See. Ich schlendere durch die kleinen Sträßchen, die Sonnenbrille gegen das gleißende Licht, das sich im See spiegelt auf der Nase, betrachte die hübsch arrangierten Schaufenster und kaufe kleine Geschenke. Irgendwann lockt der See . Ich möchte an seinem Ufer sitzen, sehen, ob Boote fahren, vielleicht gibt es hungrige Enten. Ich gehe, ganz in Ruhe, in Richtung Seeufer, denn ich weiß mein Auto in einer ausgewiesenen Parkzone vor der Oper auf einem bezahlten Parkplatz und damit für die nächste Stunde in Sicherheit. Nur noch eine Straße muss ich überqueren, von Weitem sehe ich bereits eine grüne Plastikbanderole über dem Weg zum Seeufer hängen, ‚Herzlich Willkommen am Zürich See’, steht darauf. Das ist ja mal nett, denke ich, die Schweizer sind wirklich unübertroffen in ihrer Freundlichkeit. Als ich näher komme lese ich vier kleine Bemerkungen unter der freundlichen Begrüßung: Hunde anleinen! Abfall in Mülleimer! Kein Feuer! Feiern verboten! Vier Ohrfeigen, noch bevor irgendetwas passiert ist! Da ist doch wieder der kleine Ordnungshüter im Schweizer, diesmal weiß auf grün. Großartig. Er kanns nicht lassen! Fast amüsiert es mich, aber die Lust, mir das Seeufer von Nahem anzusehen ist mir vergangen.

Dann mein letzter Tag. Ein sonniger Tag, mit freiem Blick auf den Zürich See, dem ich aber auch diesmal nicht allzu nahe komme. Ich fahre zum Flughafen, um meine Koffer einzuchecken. Parke in einer dafür vorgesehenen Zone, diesmal darf man hier nur 15 Minuten! Ich sage mir, ich werde das schaffen, habe aber nicht mit einem schwachen Rücken und dem schweren Koffer, noch viel weniger mit meiner orthopädisch bedenklichen Art, den schweren Koffer auf das Laufband der Lufthansa zu stellen, gerechnet. Und dann passiert das Unvorhersehbare: ich kann mich, nachdem ich den Koffer auf das Band gestellt habe, nicht mehr aufrichten, der Schmerz nötigt mich in eine gebeugte Haltung, Schweiß läuft mir über die Stirn und die Wirbelsäule entlang, ich habe das Gefühl, der Rücken ist gelähmt und denke nur an das Auto und dass die 15 Minuten jetzt um sein werden. Die Dame am Schalter erklärt mir viel zu lang (jetzt sind bestimmt 17 Minuten um) wo es zum Medical Center geht. Ein langer, komplizierter Weg, mein Gott, als ob das die Quarantäne-Station wäre, meilenweit vom eigentlichen Geschehen entfernt! Auf dem Weg zum Medical Center (inzwischen sind mit Sicherheit 20 Minuten verstrichen) verlaufe ich mich zwei Mal, dann entscheide ich mich um, durch eine Glasscheibe habe ich einen Ordnungshüter am Parkstreifen entlanggehen sehe. An dem Parkstreifen, auf dem natürlich auch mein Auto steht! Ich müsste ein neues Ticket ziehen. Aber der Weg bis zum Wagen ist schmerzvoll weit.

„Hallo…!“ Rufe ich. „Halloooo!“ Auf ‚Hallo‘ reagiert der Ordnungshüter jedoch nicht, ich muss einen Zahn zulegen, stütze eine Hand in den vor Schmerz gekrümmten Rücken und nähere mich dem Herrn von hinten im Schweinsgalopp. Erst als ich auf seiner Höhe bin, zeigt er eine kleine Reaktion, er neigt den Kopf leicht seitlich, aber ansehen tut er mich noch nicht. „Entschuldigen Sie bitte,“ ich bin noch ganz außer Atem und merke, wie mir einige Schweißperlen  die Schläfe herunter laufen, Tröpfchen für Tröpfchen, „ich habe mein Auto ganz da vorne geparkt und…“ und ich erzähle ihm knapp meine Leidensgeschichte und schließe mit den Worten „vielleicht könnten Sie davon absehen, mich aufzuschreiben, ich weiß nämlich nicht, wie lange ich im Medical Center warten muss und zwischendurch Fränkli einwerfen, das sehn Sie ja selbst, das geht schlecht.“ Jetzt sieht er mich von oben bis unten an, der Herr Ordnungshüter, fehlt nur noch, dass er mich anriecht, er lächelt nicht, er sagt nur „Ich gehe in diese Richtung, sehn Sie?“ Er zeigt von meinem Auto aus in die entgegen gesetzte Richtung. „Ja.“ Sage ich. „Und?“ „So ischt das.“ Er nickt sich selber zu und geht weiter. Ich hinke ihm hinterher. „Was soll das heißen? Kann ich davon ausgehen, dass Sie mich nicht aufschreiben, wenn ich es nicht schaffe rechtzeitig…?“ „Ich habe Ihnen doch gesagt, ich gehe in diese Richtung. Gell?“ Er zeigt noch einmal seine Laufrichtung mit dem Arm an und sieht mich dabei leicht ungehalten an. „Ja, das hab ich schon verstanden, aber ich … ich kann doch nicht … mit den Schmerzen … ich wollte doch nur wissen, ob Sie von einer Anzeige absehen, wenn …“ „Gell, Sie haben mich schon verstanden!“ Seine Augen funkeln, seine Stimme hat einen Unheil verkündenden Unterton, er legt noch einen Zacken zu, er hängt mich ab und verschwindet in die von ihm angezeigte Richtung.

Dann halt nicht, denke ich, Blödmann, denke ich auch, sage ich natürlich nicht, aber denken kann ja nicht verboten sein. Jedenfalls steht es nirgendwo. Oder vielleicht doch … es lohnt sich sicherlich auf der Rückseite des Flugtickets nachzusehen. Denken Sie bei Ihrem nächsten Schweizbesuch daran.

*die Süßigkeit trug diesen Namen

London

29.04. – 05.05.2015

Selten so früh aufstehen müssen und derart miserabel geschlafen. Das eine (das Frühaufstehenmüssen) bedingt meist das andere (nichts mehr fürchtend, als zu verschlafen). Müdigkeit wiederum verhindert überaktives Denken. Angstmildernde Umstände also.

Ich habe Zeugen dafür, dass ich (normalerweise) nicht auf ‚billig’ stehe. Meine London-Reise jedoch, wird von billigen Eckpfeilern getragen und diese heißen ‚Easy’ – zumindest vorne. Der Jet – und das Hotel. Im Jet sitzend, Hüftgurt angelegt, beschäftige ich mich ausgiebig mit der Frage, ob es schlau war, alles so ‚easy’ zu buchen, das ‚Billig-erhöht-die-Gefahr-abzustürzen-Syndrom’ ist fest in mir verankert. Schlichtweg aus Kostengründen verdrängt. Jetzt bereitet es Herzklopfen, feuchte Handinnenflächen – die gesamte Liste, bis wir oben sind – vermeintlich außer Gefahr – und mein Körper, wie sedativinfusioniert, den (ausgelassenen) Schlaf einfordert. Ich werde jäh aus einem wilden Traum, (kindheitserinnerungsgeschwängert von einer Warumauchimmer-Zugfahrt nach Arosa!!!) gerissen, als der Flieger auf britischem Boden aufsetzt. Noch halb in Trance, schwebe ich an einer Installation mit Queen Mums Konterfrei vorbei, Roger Hogdson im Ohr, im Kopf, im Körper (I really miss the Queen,) yes, Roger, I missed her toooooooo, erfühle den Weg – immer der Menge nach – zum Gatwick-Express, stehe in der Schlange, manchmal auch dort, wo eigentlich keine ist.

Queen_Mum

Einmal bleibe ich derart ungeschickt stehen, dass die Leute hinter mir eine bilden, die Engländer lieben das! Schlangen, ach … Und sie sind so geduldig. Das liebe ich. Nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen, selbst sinnloses Schlangestehen nicht …

Und dieses Reservoir an Hoffnung! Ich war bei meiner Ankunft, (Rollkoffer in der einen Hand), geneigt eine Fotoserie zum Thema zu machen. Nur der Umstand, dass ich keine Hand mehr frei hatte, nachdem meine Hoffnung auf gutes Wetter im typischen Londoner Nieselregen zunichte gemacht wurde und ich mich mit der vormals freien Hand mittels neu erstandenem Knirps vor der hoffnungslosen Wetterlage schützen musste, hielt mich davon ab (ein Foto habe ich noch machen können, bevor ich handfrei wurde).

Ich habe aber Worte: Ballerinas, nackte Beine, Sonnenbrillen im Haar, strumpflose Füße in dünnsohligen Sneakers, Miniröcke, leichte Mäntelchen, gelackte Zehen in offenen Sandalen, T-Shirts, Shorts – so sieht hier Hoffnung aus. Überwiegend weiblich.

hoffnung

Und ein Foto: In diesem speziellen Fall, verbunden mit der weiteren Hoffnung, die Füße mögen schrumpfen, um in das kleine Modell zu passen

Im Hotel

Mein Easy-Hotelzimmer liegt großartig: In allerkürzester Laufnähe zum St. Mary’s Hospital und zur Paddington Station. Es ist nur schockierend klein. Einfach, das hatte ich mir vorgestellt, allerdings nicht derart klein. Genaugenommen besteht es aus einem Bett, einer orange gestrichenen Wand mit der Aufschrift ‚easyhotel’, die sich glücklicherweise im Rücken des Imbettliegenden befindet und einem kleinen Fenster, das sich minimal, in britischer Manier, nach oben schieben lässt. Zehn Zentimeter, großzügig berechnet. Wenn es brennt, liege ich in der Falle. Aber es brennt nicht. Es wird nicht brennen. Ich bin nämlich ein Glückskind, genau betrachtet. Ich hatte ein Zimmer mit Fenster gebucht (es gibt tatsächlich noch günstigere Zimmer – ohne Fenster). Als ich bei meiner Ankunft feststellen musste, dass mein Zimmer zwar das bestellte Fenster hatte, aber unterirdisch lag, bat ich um ein überirdisches und durfte kurz darauf in den dritten Stock ziehen. Glück gehabt. Tageslicht.

Easyhotel

First impression

Mein erster Eindruck von London: Höfliche, nette, hilfsbereite Menschen. Machtworte, Verbote, Vorschriften, was keiner auszusprechen wagt, druckt London auf Schilder.

Es hat nicht die gesamte Zeit geregnet, sondern tatsächlich nur zur Ankunft und Abreise, darum hatte ich später eine Hand frei für die kleine Fotoserie zum Thema, ‚London beschildert’:

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