Le Château et moi

 

Als wäre es Gesetz

 

dass die schönsten Momente im Leben immer zu kurz geraten. Mein Schreibaufenthalt in Château de Justiniac war es eindeutig.Foto am 12.07.16 um 19.50

Ich hatte es mir so gewünscht, und plötzlich war ich eine der glücklichen Stipendiatinnen. Große Vorfreude. 4 Wochen ungestörte Schreibzeit in einem Schloss! Es ist Sommer, ich weiß es ja.

Ich habe nur, nach mehr als zwei Jahrzehnten Hamburg-Leben vergessen, dass Sommer auch Wärme bedeuten kann

und es durchaus ratsam ist, bei einem Flug in den Süden an entsprechende Kleidung für den Reisetag zu denken. Bei gefühlten 12°C Abflug-Temperatur ein abwegiger Gedanke. Zwei Stunden später: Bushaltestelle Toulouse-Blagnac, praller Sonne ausgesetzt, geschätzte 30°C, erkenne ich den schweißtreibenden Fehler. Mit dem Bus zum Bahnhof, mit dem Zug nach Saverdun, meinen schweren, büchervollen, unhandlichen Koffer hinter mir herzerrend, einen prallen Rucksack am Rücken klebend, kommen Nora Gantenbrink, die zweite Glückliche, und ich früh nachmittags am kleinen Bahnhof in Saverdun an.

Die Schlossverwalterin holt uns mit dem Wagen ab. Vom ersten Hügel aus sehen wir die Pyrenäen. Meine stündlich sich ändernde Aussichtskulisse für die nächsten vier Wochen. Vorerst tauchen sie auf und versinken, es ist recht hügelig in der Ariège.

Hinter der Katze: Die Pyrenäen
Hinter der Katze: Die Pyrenäen

‚Hier gibt es das beste Baguette, dort die schmackhaftesten Croissants,

der Supermarkt, der neue, befindet sich in jener Richtung, der Honigbauer ist durch Schilder am Wegrand nicht zu übersehen’, Nina zeigt im Vorüberfahren die Abfahrt zum exzellenten Ziegenkäse, hergestellt, wie uns Serge, der Schlossbesitzer, einige Tage später verrät, von einer alten Hippiefrau, die man, mit etwas Glück, barbusig beim Melken antreffen kann. Überhaupt Serge, wenn Serge zu erzählen beginnt … man kann nur jedem wünschen, ihn im Schloss anzutreffen.

Und dann das Schloss. Ein rundes Holztor in der roten Backsteinmauer, wirkt es auf mich von außen erst einmal wie ein riesiger alter Bauernhof.

Eine kleine, blass-graue Kapelle klebt an seiner Schulter.

Erst wer den Blick ein wenig hebt, sieht die Spitzen der beiden Schlosstürme über dem Dach der Einfassungsmauer.

Dann stehen wir im Innenhof, in dem es summt und zirpt und blüht und duftet, und ich bin überwältigt von einem Gefühl: Angekommen zu sein. Es ist, als würde das Haus seine Arme öffnen und dieses Gefühl soll sich in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen verstärken. Beim Betreten der ‚Suite’, die ich in den kommenden vier Wochen bewohnen darf, beim Blick von meinem Schreibtisch in die sagenhafte Natur, beim Gesang des Vogels, der mich morgens mit immer neuen Melodien weckt, auf der Terrasse, beim nächtlichen Liegen auf dem noch von der Tagessonne warmen alten Stein, beim Blick in den Sternenhimmel, beim Essen mit den anderen, die kommen und gehen und Geschichten mitbringen, sich mit mir austauschen, aber auch meinen Rückzug respektieren.

Diner royal.
Diner royal.

Ich habe Riesenglück gehabt, in der Suite wohnen zu dürfen.

Zu den großen Räumen gehört ein eigenes Badezimmer und eine kleine Küchennische, in der ich mir morgens Tee zubereiten und abends gekühlten Wein aus dem Kühlschrank holen kann. Außerdem sind meine Räume frei von Katzenhaaren (für mich als Allergikerin ein Segen), die oberen Räume sind es nicht.IMG_3254

Ich finde schnell einen Rhythmus. Die Zeit tickt hier langsamer. Es gibt einen Feldweg, direkt gegenüber vom Schloss, den ich täglich gehe, sicherlich auch eine gute Joggingstrecke, ich glaube Nora rennt hier morgens entlang.

Mein Spazierweg.
Mein Spazierweg.

Vor der Tür steht ein Auto, das wir jederzeit (in Absprache miteinander) für eine kleine Kilometerpauschale nutzen können. Nora und ich fahren häufig gemeinsam (zum Supermarkt, Weinkaufen, auf den ein oder anderen Flohmarkt), das ist netter und ökonomischer. Nach zweimaligem Fahren kenne ich den Weg nach Saverdun, nach Pamiers und Mirepoix, wo man Samstags auf dem Markt wunderbar einkaufen kann.

Ja, und ich schreibe. Ich schreibe, wo ich möchte. Am liebsten bei offenem Fenster an meinem Schreibtisch, mit Blick auf die Berge, aber auch auf der Terrasse und im Salon, dort habe ich WLAN-Empfang. Ich schreibe auf den Treppen, im Garten, im Bett, immer die Pyrenäen im Blick, immer anders.

Und leider ist, als gerade alles so richtig in Bewegung kommt, die Figuren atmen und die Handlung farbig wird, meine Zeit um.

Das ist schade.

Tröstlicher Gedanke: Wenn es jetzt Gesetz wird, dass meine Träume in Erfüllung gehen, ist annehmbar, dass die KulturBehörde in Zukunft länger gefasste Schreibstipendien in Justiniac ausschreibt.

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