12.12.2014 Essaouira erste Schritte

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Handkarrenfahrer stehen um den Bus. Ich nehme den erstbesten, der sich als Doppel rausstellt. Der eine quatscht, der andere arbeitet. Wir machen einen Preis aus, ohne dass die beiden wissen, wohin. 30 Dihram. 3 €. Ich krame die Adresse heraus und der Quatscher sagt, toll, ganz am anderen Ende der Stadt… ich halte das für eine Übertreibung, um mehr Geld herauszuschlagen und frage, ob sie mich denn nun hinbrächten?

Es ist tatsächlich am anderen Ende der Stadt, direkt bei der Bastion – natürlich, schließlich heißt meine Pension ‚le Bastion‘ –  am Rand der alten Stadtmauer. Wir laufen zehn Minuten, ja, wir laufen. Wahrscheinlich kommt gleich der nächste Bus. Es ist hier viel milder, wärmer als in Marrakech. Ich bezahle, schweißgebadet, 40 Dihram, weiter hätten die beiden es wirklich kaum haben können, und der Quatscher trägt den Koffer bis ganz nach oben, in mein Zimmer. Chambre Soleil – von Titus und seiner Familie auch das Möwennest genannt.

Als ich die zu meinem Zimmer gehörige Dachterrasse erklimme, sitzt sie auch schon da: Eine gigantische Möwe, die ich zunächst für unecht halte, ob ihrer Größe und Bewegungslosigkeit. Erst im letzten Moment, als ich ans Geländer trete, nimmt sie gemächlich Schwung und lässt sich auf der anderen Seite der Terrasse nieder, direkt neben einer anderen, etwas kleineren. Ein Paar. Abends erfahre ich, dass Titus im Frühjahr regelmäßig ihr Nest zerstören muss, weil sie sonst anfangen zu brüten und Besucher attackieren. Dass sie trotz massiver Geburtenkontrolle seit Jahren bleiben, bestätigt die Besonderheit des Orts: Ich wohne also unter einem glücklichen kinderlosen Möwenpaar, dem nichts über eine schöne Aussicht geht.

Maryem, Titus Frau, Marokkanerin, die fließend Deutsch spricht, serviert den traditionellen Tee. Es ist wie Nachhausekommen. Wir unterhalten uns ein bisschen und dann zeigt Maryem mir, die für mich erst einmal wichtigsten Plätze der Stadt (Bankautomat, Lebensmittelladen, Bäckerei, Pharmazie, Café) und erklärt, wie ich mich in den kleinen Gassen orientieren kann. Ich weiß, dass es außerdem wichtig ist, mit ihr gesehen zu werden. Diejenigen, die wissen, dass ich bei ihr wohne, werden mich nicht ansprechen und wenn doch, sich hüten, mich zu nerven. Mit ihr, sagt Titus später bei einem Glas Wein, hat keiner Lust sich anzulegen. Wenn Dich einer übers Ohr hauen sollte, sag es Maryem …

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Ich gehe später alleine über den Markt, sehe einem Schlachter beim Hühnerköpfen zu. Was der mit solcher Selbstverständlichkeit tut, dass mir noch nicht einmal schlecht wird dabei. Natürlich, wenn ich ein Huhn essen möchte, muss ich wissen, dass es dafür sein Leben gelassen hat. Hat Sarah Wiener auch den kleinen Jungs gesagt, mit denen sie Hasen getötet hat, bevor sie in den Kochtopf wanderten.

Ein fröhlicher Schlachter möchte von mir fotografiert werden und anschließend das Bild sehen:

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Ein anderer nicht.

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Ich frage ihn, warum er mir den Mittelfinger ins Bild hält, ich wollte nur seine tote Kuh, die da links so – ich weiß nicht: archaisch? vor dem Laden hängt, fotografieren. Wenn er nicht hinter seinen Würsten hervorgesprungen wäre, hätte man ihn gar nicht gesehen. Er sagt, er habe mich nicht gebeten von ihm ein Foto zu machen.  Ich antworte, ich hätte ihn auch gar nicht auf dem Bild haben wollen. Falsche Antwort. Er sagt, ich solle FRAGEN!!! Auch wenn ich nur ihr totes Fleisch hier fotografiere? Ja, sagt er. Ich möchte keine Information über seinen aktuellen Testosteronwert, kann es trotzdem nicht lassen zu fragen:  Monsieur, darf ich ihr totes Fleisch fotografieren, bitte? Nein. Antwortet er. Was für eine Überraschung! Vor seinem Laden stehen ein paar junge Männer Mitte zwanzig, coole Surfertypen, relaxed, vielleicht ein bisschen Gras intus. Die lächeln mich milde an und sagen, der mag das halt nicht. Am besten, Sie fragen hier immer – überall, dann kann man nichts falsch machen. Danke für den Tip, Jungs! Ich trolle mich.

Maryem erzähle ich lieber nichts von  dem bösen Schlachter, wer weiß ob der morgen noch seinen Mittelfinger so fröhlich in die Höhe strecken könnte …

Mehr zu meiner Pension unter: www.lebastion.de

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